4. Kapitel – Vorstadtkatzen

Mikesh lief über die Hofeinfahrt auf das kleine Haus zu. Der Vorgarten war von einer niedrigen Hecke umgeben. Kleine Blumenbete säumten den breiten Kiesweg, der von der Auffahrt zur Veranda führte. Neben der Haustür standen sich zwei Rattan-Sessel gegenüber, in deren Mitte ein kleiner Tisch stand. Über dem Tisch befand sich ein Fenster, welches die Dosenöffner den ganzen Tag offenließen, damit die beiden dort lebenden Katzen Bella und Jeronimus, jederzeit hinauskonnten.

Sie bewegten sich selten weiter als bis zum Ende des Vorgartens fort. Der alte Kater und die blinde Katze zogen es vor, sich in einem Umfeld aufzuhalten, dass sich nicht veränderte. Doch für die Vorstadtkatzen waren sie immer ein Anlaufpunkt um Sorgen und Nöte zu teilen. Wenn eine ihren Rat brauchte, waren Sie immer zur Stelle.

Als Mikesh die Rattan-Sessel erreicht hatte, sprang er mit  einem eleganten Satz hinauf, und wollte grade über den Tisch auf den Fenstersims klettern, als Bella plötzlich ihren weißen Kopf aus dem Fenster streckte, und ihn in seine Richtung drehte. „Guten Morgen Mikesh“ schnurrte sie. „Komm nur herein, Jeronimus wartet schon auf Dich!“

Er sparte sich die Frage woher er wissen konnte, dass er zu ihm auf dem Weg war. Bella war eben etwas ganz Besonderes. Sie konnte zwar nicht sehen, doch sie nahm die Welt um sich herum auf eine ganz eigene Art war. Aufgrund ihrer Blindheit, waren die restlichen Sinne umso schärfer. Sie konnte besser hören und riechen als sonst eine Katze die Mikesh kannte. Und auch ihr Tastsinn war viel sensibler. Sie wusste immer genau was um sie herum geschah. Mikesh bewunderte die schöne Katze mit den verschieden farbigen Augen dafür.

Er folgt ihrer charmanten Einladung und glitt durchs geöffnete Fenster, auf das darunter stehende Sofa. Bella hatte mittlerweile auf dem Sessel daneben Platz genommen. Aufrecht saß sie da, den dicken Schwanz um die Vorderpfoten gelegt. Mikeshs Blick fiel nun auf den großen grauen Kater, der auf einem Kissen vor dem Kamin saß und Mikesh aus gelassenen Augen ansah. Dieser glitt vom Sofa herunter und ging auf seinen alten Mentor zu.

„Guten Morgen Jeronimus“ grüßte er höflich und neigte seinen Kopf, als er vor ihm stand. „Guten Morgen mein Lieber“ erwiderte Jeronimus sanftmütig. „Ich hörte Du trainierst wieder.“

Auf Mikesh überraschten Blick hin fuhr Jeronimus fort. „Bella hörte euch in den letzten Nächten. Ward ihr in der alten Villa? Der einzige Ort wo ihr so ungestört trainieren könntet, denke ich. Wie viele wart ihr?“

„Eine Menge“ erwiderte Mikesh und setzte sich. „Alle Katzen aus der Vorstadt waren da. Außer Maja und den kleinen… und Euch natürlich“ fügte er etwas verlegen hinzu. „Was sollten wir auch ausrichten?“ schnurrte Bella belustigt. „Du bist die klügste und scharfsinnigste Katze die ich kenne, Bella“ erwiderte Mikesh aufrichtig. „Und du, Jeronimus, wir könnten alle von deiner Erfahrung profitieren.“ „Wie nett von ihm das zu sagen, nicht wahr?“ Meinte Bella an Jeronimus gewandt. „Er ist so ein höflicher, junger Kater.“ „In der Tat“ schnurrte Jeronimus. „Mein lieber Mikesh. Ein alter Kater, der kaum zehn Schritte laufen kann ohne sich ausruhen zu müssen, und ein blindes Kätzchen, die sich um den Alten kümmert… Wir wären keine große Hilfe da draußen!“ Seine Augen blitzten vergnügt. „Nein, ich gebe mein Wissen an Dich weiter. Du wirst diese Katzen führen. Und führen heißt vor allem für ihre Sicherheit sorgen.“ Nachdenklich runzelte Mikesh die Stirn. Es kam ihm wieder diese eine Frage in den Sinn, die ihn im Laufe der Jahre immer wieder beschäftigt hatte. Nun hatte er die Gelegenheit diese Frage zu stellen. „Warum ich?“ wendete er sich wieder Jeronimus zu. Dieser lachte belustigt auf. „Was? Diese Frage beschäftigt Dich? Nach all der Zeit? Ich kenne dich seit du ein kleines Kätzchen warst. Du hast schon immer andere beschützen wollen, egal wie groß der Gegner war. Du hast einen außergewöhnlichen Gerechtigkeitssinn und einen starken Beschützerinstinkt.“ Bella war mittlerweile vom Sessel heruntergesprungen und gesellte sich an Jeronimus‘ Seite. „Du bist Charakterstark. Zum Anführer geboren. Und – was vermutlich noch wichtiger ist – die Katzen mögen dich und folgen dir freiwillig. Weil sie dir vertrauen!“ „Das solltest Du nie in Frage stellen“ ergänzte Jeronimus abschließend.

„So, und nun erzähle uns, weshalb Du wirklich hier bist“ forderte der alte Kater ihn auf. Mikesh setzte sich aufrecht hin und räusperte sich. „Nun, Ceasar ist auf dem Vormarsch, wie Bella schon vermutet hatte.“ Jeronimus nickte bedächtig. Bella senkte betrübt den Kopf. Es wäre schön gewesen sich wenigstens dieses eine Mal zu irren. „Ich habe eigene Nachforschungen anstellen lassen, damit ich nicht unnötig Panik verbreite.“ Fuhr Mikesh fort. „Dschingis hat sich bei den Straßenkatzen umgehört. Da gab es wohl einige vermisste Katzen die von heute auf morgen verschwunden sind. Andere haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie sich jemandem anschließen wollten. Charlie fand einiges über verschwundene Hauskatzen aus der Stadt heraus, als er sich mit seinen Kumpels vom Bahnhof traf. Es sieht so als ob er rekrutiert. Das Problem ist, dass wir noch nicht gut genug vorbereitet sind. Dschinigis hat nicht unrecht, wenn er uns als Hauskätzchen bezeichnet. Die einzigen Kämpfe die wir auszufechten haben sind die, um unsere Reviere abzustecken. Da genügt schon meist ein wütendes fauchen oder knurren. Zu echten Kämpfen kommt es hier so gut wie nie. Zu futtern haben wir auch mehr als genug. Wenn wir mal eine Maus fangen, dann mehr zum Spaß und um unseren Jagdtrieb zu befriedigen. Da sind uns die Straßenkatzen im Vorteil. Das macht mir Sorgen.“

Zum Ende seines Berichts hin hatte Jeronimus die Augen geschlossen und angestrengt zugehört. Nun nickte er bedächtig. Einige Augenblicke war es Mucks-Mäuschen still. Mikesh hielt es kaum noch aus, als Jeronimus endlich sagte: „Du vergisst da eine Kleinigkeit, mein junger Freund.“ Er sah Mikesh nun tief in die Augen. „Was sind Ceasars Beweggründe?“ „Rache für seine letzte Niederlage“ antwortete Mikesh sofort. „Und Wut. Und Machtgier.“ „Und was sind Eure?“ Fragte der alte Kater wieder. Mikesh legte den Kopf schief und überlegte einen Moment. „Wir wollen uns verteidigen. Und das was uns gehört.“ „Ihr wollt beschützen, was Euch lieb und wertvoll ist“ ergänzte Jeronimus. „Du solltest deine Freunde nicht unterschätzen. Wenn es darum geht die zu beschützen, die ihnen wichtig sind, kann jedes einzelne Hauskätzchen immense Kräfte entwickeln. Und der Wunsch zu beschützen um zu überleben war schon immer stärker als jedes andere Motiv. Mag sein, dass die Straßenkatzen euch in punkto Kampferfahrung überlege sind. Aber sie haben kein richtiges Ziel. Sie folgen nur einem irregeleiteten Kater der Ihnen verspricht, dass ihr Leben sich bessern würde. Als ob das in seiner Hand läge.“ Jeronimus ließ ein missbilligendes Schnauben vernehmen. Bella schmiegte ihren Kopf an die Brust des großen, langhaarigen Katers, der sie um mindestens einen Kopf überragte. „Vergiss nicht, dass auch er mal so war wie wir…“ schnurrte sie versöhnlich.

„Das glaube ich kaum“ knurrte Mikesh. „Er ist… ein Monster!“

„Er ist das, was die Welt aus ihm gemacht hat!“ Wies Bella ihn entschieden zurecht. „Kein Lebewesen dieser Erde kommt böse zur Welt. Wir kommen ohne Wissen zur Welt. Nur geleitet durch unsere Instinkte. Wir lernen. Machen Erfahrungen. Die glücklichen von uns lernen durch die Mütter, die einen liebevoll aufziehen. Wir kommen, mit etwas Glück, in nette Familien, wo man uns verhätschelt und uns liebhat. Wir finden Freunde und führen vielleicht ein weit gehend sorgloses Leben. Aber nicht allen von uns ist das vergönnt.“

Mikesh, nun neugierig geworden, kauerte sich hin und sah abwechselnd Bella und Jeronimus erwartungsvoll an.

„Erzähl ihm was wir wissen“ brach Jeronimus schließlich das Schweigen und wandte sich damit an Bella. „Vielleicht kann er dieses Wissen einmal gebrauchen. Bella kauerte sich Mikesh gegenüber und zog die Beine unter den Bauch. Ihr Schwanz ruhte dicht neben ihrem Körper, doch an der wilden Bewegung der Schwanzspitze konnte Mikesh erkennen, wie aufgewühlt sie innerlich war. Dann begann Sie ihm zu erzählen, was sie wusste: „Ceasar wurde schon sehr früh von seiner Mutter verlassen. Er landete auf der Straße und war mehr als nur einmal dem Tode nahe. Dann wurde er von einer Familie aufgenommen und aufgepäppelt. Er muss gedacht haben, dass er nun endlich eine Familie für sich gefunden hat, der Arme.“ Bella schüttelte betrübt den Kopf und fuhr mit geschlossenen Augen fort, als würde sie alles ganz klar vor ihrem geistigen Auge sehen. „Eines Tages aber gaben sie ihn ab. Er kam in einer dieser Menschenbauten, weißt Du? Mit vielen Gefängnissen, wo Katz und Hund eingesperrt werden. Viele, die dort landen, sieht man nie wieder…“ Sie schüttelte sich und ihr Fell stellte sich auf. Sachte beugte Jeronimus zu seiner Gefährtin herunter und legte ihr beruhigend die Schnauze auf den Kopf. Sie entspannte sich etwas, ihre Fell legte sich an, als sie die Augen öffnete und den Kopf mit den blicklosen, aber wunderschönen Augen wieder Mikesh zuwandte. Ihre Stimmte klang gefasst, als sie fortfuhr.

„Du weißt ja selbst, wie groß Katzen seiner Art sind. Es muss schwer für ihn gewesen sein auf engsten Raum mit anderen Katzen eingesperrt zu sein. Aber er hatte Glück – zumindest scheinbar. Denn schließlich fand er eine neue Familie. Doch die Freude währte nicht lang. Denn er geriet an äußerst bösen Kindern, die ihn quälten, bis er davonlief, um freiwillig wieder auf der Straße zu leben. Und als ob das nicht schon genug war, schnappte ihn ein Tierfänger und brachte ihn zu einem Dosenöffner der komischen Versuche mit ihm anstellte. Manche Dosenöffner nennen diese Vertreter ihrer Art „Wissenschaftler“. Wir wissen nicht, was er dort alles erleiden musste. Aber die Zeit als Versuchskaninchen muss ihn am schlimmsten geprägt haben. Wir wissen, dass er irgendwann wieder auf der Straße landete. Ab dort verlieren sich die Informationen. Er soll noch so einige Male ins Tierheim gekommen sein, ber irgendwie schaffte er es immer wieder auf die Straße. Das ist alles, was wir wissen“ schloss die weiße Katze ihren Monolog.

„Das ist doch eine ganze Menge“ maunzte Mikesh nachdenklich. „Man sollte eben nicht alles nur von einer Seite betrachten“ stimmte Jeronimus zu. „Danke, Bella, dass Du uns wieder daran erinnert hast.“

Bella nickte, erhob sich und stricht mit ihrem Schwanz liebevoll an Jeronimus‘ Flanke entlang, ehe sie wieder Richtung Sessel schlich. Als sie an Mikesh vorbeikam, raunte sie ihm zu: „Du bist gut beraten, wenn Du immer alle Seiten einer Münze betrachtest.“

„Eine Frage habe ich noch“ meinte Mikesh und erhob sich wieder. „Woher wisst ihr das alles?“ „Nun“ antwortete Bella die auf ihren Sessel sprang, sich einrollte und die Augen schloss. „Ich kann vielleicht nicht mehr sehen, aber ich höre sehr gut. Und manchmal mehr, als dass was Worte allein ausdrücken können.“

„Ich wünschte ich hätte die Möglichkeit noch mehr über ihn heraus zu finden…“

„Wenn ich nicht irre gibt es ein paar Katzen unter Euch, die eine gemeinsame Vergangenheit mit Ceasar haben, oder nicht?“ Jeronimus legte sich ebenfalls nieder und Mikesh merkte, dass sich das Gespräch dem Ende neigte.

„Vielleicht solltest Du dort nach Informationen suchen.“

„So unnatürlich Ceasars Verhalten ist und so schmerzerfüllt seine Vergangenheit, er ist eine ernst zu nehmende Bedrohung!“

„Das streitet keiner ab“ erwiderte Bella mit einem Gähnen. „Unterschätze deine Freunde nicht“ wiederholte Jeronimus. „Oder noch besser: Vertraue ihnen! Allein kannst Du Ceasar und seine Truppe nicht besiegen. Aber zusammen seid ihr viel stärker als er! Und Geheimnisse belasten das Gegenseitige Vertrauen nur. Ich weiß, du möchtest niemanden drängen. Denn immerhin hat jeder eine Vergangenheit. Und dennoch, solltest Du ihrer Vergangenheit vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.“

Als Jeronimus sich auf seinem Kissen, dass für einen so großen Kater viel zu klein schien, zusammenrollte, neigte

Mikesh zum Abschied höflich den Kopf, ehe er über das offene Fenster zur Veranda hinaussprang.

 

***

 

Cloud sprang auf Filou zu, der vor ihm auf dem Rücken lang. Blitzschnell zog dieser die Hinterläufe an den Bauch. Als Cloud verbissen versuchte ihn fest zu nageln, hieb Filou ihm mit voller Kraft die Beine in den Bauch. Noch während Cloud, durch die Wucht des Trittes, von seinem Bruder fortgeschleudert wurde, sprang Filou auf die Beine und ging zum Gegenangriff über. Gaaja saß auf der Bank vor ihrem Haus, die Beine unter sich gezogen und ließ den Schwanz lässig von der Bank herunterhängen. Amüsiert sah sie den beiden Katern zu, die vor ihr ihre Kampffortschritte demonstrierten. Die beiden kabbelten sich, sprangen sich gegenseitig an, versetzten sich Prankenhiebe – natürlich mit eingezogenen Krallen – und kugelten schließlich in einander verkeilt vor der Bank herum. Als sie ausgerollte hatten, wollte keiner den anderen frei geben. Angestrengt sahen sie einander in die Augen, als wollten sie den jeweils anderen nur durch bloße Willensstärke dazu bringen, aufzugeben.

„Tolle Vorstellung Jungs“ schnurrte Gaaja schließlich. „Ich würde sagen das heißt Unentschieden“. Verlegen rappelten sich die beide Jüngeren auf. „Hast du gesehen, Gaaja?“ Filou stellte sich auf die Hinterbeine und hielt sich mit den Vorderpfoten an der Bank fest, auf der Gaaja lag. „Ich bin schon viel stärker geworden. Mittlerweile bin ich schon fast stärker als Cloud!“

„Pah“ schnaufte dieser. „Ich habe dich nur nicht so hart rangenommen, das war alles!“ Filou wandte sich motzend seinem großen Bruder zu. Ein zartes Gefühl der Zuneigung stahl sich in ihr Herz und erwärmte es von innen heraus, als sie die beiden zankenden Kater betrachtete. Sie waren Jung und unerfahren. Aber auch neugierig und fest entschlossen ihren Teil dazu beizutragen, das Territorium der Vorstadtkatzen gegen drohende Gefahren zu verteidigen. Zudem waren sie verrückt nach ihr, was ihr zwar schmeichelte, aber nicht erwidert wurde. Sie mochte die Beiden. Aber eben eher wie eine Schwester ihre Brüder mag. Sie wollte den Beiden keine Hoffnungen machen. Aber ihre Gesellschaft tat ihr einfach zu gut, als dass sie darauf freiwillig verzichten wollte. Als sie ihren Blick über den Vorgarten schweifen lies, entdeckte sie Mikesh, der unschlüssig vor der Auffahrt stand und sich umsah. Als er Gaajas Blick bemerkte, kam er langsam auf sie zu getigert. Leise schnurrend verfolge sie, wie er die Bank erreichte, hinaufsprang und sich aufrecht neben sie setzte. Den langen Schwanz legte er ordentlich um die Pfoten. Cloud und Filou, denen der neue Besucher nicht entgangen war, legten ihren Streit kurz bei und setzten ihr kleines Training im Garten fort.

„Warst du bei Jeronimus?“ Fragte Gaaja unumwunden.

„Ja. Woher…?“

„Die beiden Strategen da haben dich in die Richtung laufen sehen…“ schnurrte Gaaja zurück. „Der Rest war eine Vermutung von Leeja“ gab sie dann zu. Mikesh sah sich verstohlen um. „Sie ist nicht hier“ flüsterte Gaaja. Mikesh sah sie aufmerksam an.

„Also Leute“ wandte sich Gaaja mit etwas lauterer Stimme an Cloud und Filou. „Wer von Euch bringt mir am schnellsten eine Maus?“ „Ich natürlich!“ Platzte Filou heraus. „Das werden wir noch sehen“ miaute sein Bruder energisch. Die beiden rannten vom Grundstück runter und waren bald hinter der nächsten Hecke verschwunden. „Liebestolle Narren“ schnurrte Gaaja und lachte leise. „Es sind gute Jungs“ wies Mikesh sie zu recht. „Oh Zweifelsohne“ gab Gaaja zu und setzte sich auf. Sie verstand, dass Mikesh jede einzelne Katze in der Vorstadt zu seiner Familie zählte. Immer versuchte er Streit zu schlichten und sie alle zusammen zu halten. Sie bewunderte ihn dafür. Und doch konnte er manchmal ein echter Spielverderber sein.

„Aber ich glaube kaum, dass Du hergekommen bist, um mit mir über Cloud und Filou zu sprechen, oder?“

„Wieso glaubst Du, dass ich Leeja suche?“ Fragte Mikesh. War er verärgert? Nein. Er hörte sich eher so an, als ob es ihm unangenehm war, ertappt worden zu sein. Ihrem Blick ausweichend blickte er auf die Straße, die hinter dem Vorgarten an ihrem Heim vorbeiführte. Doch das wilde zucken seiner Schwanzspitze verriet ihn.

„Das ist doch offensichtlich. Wenn jemand ihren Namen erwähnt, wirst du gleich hellhörig. Und als Du unschlüssig in der Einfahrt gestanden hast, hast Du erstmal geguckt ob Leeja auch in der Nähe ist. Das muss dir aber nicht peinlich sein. Sie ist wirklich bezaubernd.“ Neckisch stupste Gaaja den großen, getigerten Kater neben ihr an.

„Ich wollte nur mit ihr reden“ verteidigte Mikesh sich lahm. „Aber, wenn ich es recht bedenke, kann ich das auch mit dir.“ Gaaja spitzte interessiert die Ohren.  „Ich habe interessante Dinge über Ceasar erfahren…“ er stockte, als er bemerkte welche Auswirkung dieses Wort auf die sonst so taffe Gaaja hatte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, ein leichtes Zittern ging durch ihren Körper und in ihren Augen las er Angst. Er legte seine Pfote auf die von Gaaja und fuhr sanfter fort: „Ich weiß, ihr beide habt schlimmes erlebt. Glaub mir, das letzte, dass ich will, ist euch zu etwas zu drängen, das ihr nicht wollt, ja euch sogar weh tun könnte. Aber je mehr ich über unseren gemeinsamen Feind weiß, desto besser kann ich seine Schritte nachvollziehen und Schlüsse auf seine Motive und sein nächstes Handeln ziehen. Ich will das alles hier beschützen. Wenn es sein muss mit meinem Leben. Aber dazu muss ich ihn besser kennen lernen. Ich bitte euch nur als euer Freund: vertraut euch mir an.“

Gaaja, die sich mittlerweile wieder gefangen hatte, sah ihrem Freund tief in die Augen. Sie las darin aufrichtige Anteilnahme und nicht etwa Neugier oder Sensationslust. Dennoch viel es ihr so unendlich schwer ihre Vergangenheit preis zu geben. Und niemals würde sie das ohne Leejas Einwilligung tun, denn sie war immerhin ein Teil davon. Langsam nickte sie. „Ich werde mit Leeja sprechen. Entweder wir beide, oder keine von uns. Das haben wir uns geschworen.“

„Danke“ sagte Mikesh und rückte wieder etwas von Gaaja ab. „Glaub mir – wir lassen nicht zu, dass Euch noch einmal so weh getan wird. Hier seid ihr in Sicherheit. Und damit das auch so bleibt, wird jede einzelne Pfote benötigt!“

 

… weiter mit Kapitel 5

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