7. Kapitel – Vorstadtkatzen

„Soso, Max und Minka in der großen Stadt. Ganz schön draufgängerisch von den Beiden“ schnurrte Gaaja. Sie hatte es sich im Wohnzimmer des Hauses auf dem Sessel bequem gemacht und Leejas Worten aufmerksam gelauscht.

„Du meinst wohl eher dumm“ warf ihre Freundin ein und begann sich das Fell zu putzen. Sie saß auf einem dunkelroten Kissen, dass sie zuvor vom weinrotem Sofa herunter katapultiert hatte, auf dem Fußboden.

„Das auch“ gab Gaaja zu.

„Sie unterschätzen ihn“ warf Leeja wieder ein.

„Wenigstens wissen wir jetzt mit Gewissheit, dass er sich in der Stadt aufhält.“ Gaaja gähnte.

„Ja, und das er rekrutiert.“ Leeja hatte aufgehört sich zu putzen und sah nun besorgt zur Terrassentür hinaus. „Jedenfalls will Mikesh uns beide heute Nacht bei der alten Villa sehen. Wir sollen dabei helfen, die beiden vorzubereiten.“

„Natürlich, wenn Mikesh das sagt, werden wir das natürlich tun.“

Leeja überhörte den spitzen Unterton in Gaajas Stimme. Stattdessen tigerte sie aus dem Schlafzimmer heraus und suchte ihr Katzenkörbchen auf, dass sich im ersten Stock des Hauses befand. Gaaja kletterte vom Sessel aus auf das Fensterbrett und sah der Abendsonne zu, wie sie rotglühend am Horizont verweilte, ehe sie langsam unterging.

Dass Ceasar jetzt tatsächlich in der Nähe war, hatte sie mehr schockiert, als sie zu zeigen im Stande gewesen war. Aber er war nicht der einzige, der Ihre Gedanken beherrschte. Wenn er da war, und seine Anhänger, dann wäre Blue mit Sicherheit auch da. Die schöne Katze mit den blauen Augen hatte ihr damals zur Flucht verholfen, aber nicht gewagt den großen, furchteinflößenden Kater auch zu verlassen. Sie hatte nie erfahren, ob dies Geheimnis je herausgekommen oder ob sie in Sicherheit war. Aber Gaaja konnte und wollte die einstige Freundin nicht vergessen. Sie musste herausfinden ob sie noch lebte und wie es ihr ging. Leeja wusste nichts von Blue und es war auch besser, wenn sie davon sobald nichts erfuhr. Sie musste einen Weg finden, heraus zu bekommen, was aus der einstigen Freundin geworden war. Das schwor sie sich, ehe sie sich auf der Fensterbank zusammenrollte, um noch ein wenig zu schlafen.

 

***

 

In der alten Villa war wieder einiges los: Überall schwirrten Katzen durch das hohe Gras im verwucherten Garten, durch die Zimmer der Villa oder über den Vorgarten des großen Grundstückes. Filou hatte sich Charlie als Sparringspartner ausgesucht. Immer wieder versuchte er den alten Kater zu Fall zu bringen, und manchmal gelang es ihm sogar. Doch die alte Bahnhofskatze hatte immer noch ein Ass im Ärmel. Er schaffte es Filou von sich weg zu schleudern und war schon wieder auf den Beinen, ehe Filou reagieren konnte. Zwischendurch rief er ihm immer wieder zu, was er noch besser machen könnte. Währenddessen lieferte sich sein Bruder Cloud eine wilde Jagd mit Findus, Otis und Theos. Immer wieder versteckten sie sich und griffen aus dem Hinterhalt an. Dann ergriffen sie wieder die Flucht und suchten sich ein neues Versteck.

Luca und Luna hatten Cassandra unter ihre Fittiche genommen. Sie zeigten ihr, wie sie ihre Instinkte schärfen und sie sinnvoll einsetzen konnte, um sich im Kampf einen Vorteil verschaffen zu können. Felix kümmerte sich derweil um Victoria und brachte ihr bei, was er wusste. Brutus war bemüht sie irgendwie alle im Auge zu behalten. Er rannte mal hierhin, mal dorthin, um vielleicht noch den ein oder anderen Tipp weiter zu geben. Nun, da Dschingis sich noch immer in der Stadt befand, und Mikesh ein Treffen mit Max und Minka hatte, oblag es ihm, die Trainings zu überwachen. Es störte ihn, dass es offenbar Pläne gab, in die er nicht tiefgehender eingeweiht wurde. Seinen Frust darüber ließ er an den Kämpfenden aus, indem er ihnen auf ruppige Art und Weise, zeigte, wo ihre Schwachstellen lagen. Filou, der sich auf die Hinterbeine gestellt hatte um Charlie mit seinen Vorderpfoten zu bearbeiten, hub er mit einem kräftigen Schlag gegen die Hinterbeine, und brachte ihn so zu fall.

„Zu langsam“ knurrte er. „So langsam wie Du angreifst bietest Du ein viel zu leichtes Ziel für deine Gegner. Dich von den Tatzen zu holen ist ja nun wirklich nicht schwer. Du musst einen sicheren Stand haben und jeden Angriff, bei dem Du eine Schwachstelle zeigst, blitzschnell durchführen. Dann kann keiner diese Schwachstelle ausnutzen. Besser wäre natürlich, du zeigst erst gar keine.“

Damit tigerte er weiter über das Gelände. Schon von weitem konnte er Findus‘ Schwanzspitze sehen, die aus einem zerbrochenen Fenster der Villa herausragte. Als er dort war, zog er einmal kräftig dran, wodurch Findus ein schmerzerfülltes Miauen, gefolgt von einem lauten Fauchen von sich gab. Von hinten, auf einem Dachvorsprung hockend, hatte sich Otis angeschlichen. Fest überzeugt, dass ihn niemand auf der Rechnung hatte, stürzte er sich von oben auf Brutus. Dieser machte einen kurzen Schritt zur Seite. Otis stürzte, und riss dabei Findus mit sich, der aus dem Fenster getreten war, um zu sehen, wer ihn so unsanft am Schwanz gezogen hatte. Nun lagen beide Kater vor dem schwarz-weißen Brutus, der nur bedauernd den Kopf schüttelte.

„Tz, der eine kann sich nicht verstecken, der andere nicht anpirschen…“ murmelte er. „Ihr müsst lernen euch lautlos zu bewegen und Euch in den Schatten zu verstecken, als wären sie ein Teil von Euch. Los! Nächster Versuch!“

 

Mikesh war derweil gar nicht so weit vom Geschehen entfernt, wie Brutus es annahm. Er saß auf seinem gewohnten Platz, auf dem Schornstein des alten Gebäudes, und behielt seine Umgebung im Blick. In den Etagen unter ihm hatte bereits das Spezialtraining mit Max und Minka begonnen. Vergnügt schnurrend musste er an Busters entsetzten Gesichtsausdruck denken, als er ihm eröffnet hatte, dass er ihr erster Gegner sein würde.

„Wie bitte, was?“ hatte er gerufen.

„Du hast richtig gehört“ schnurrte Mikesh. „Sie werden Gelegenheit haben sich zu verstecken, du suchst sie, und greifst an. Mal sehen wie gut sie sich verstecken, ihre Spuren verwischen und einem Angriff standhalten können.“ „Wieso bitteschön soll ich das machen?“ Beschwerte sich der große Kater.

„Naja“ hatte Mikesh geantwortet. „Ich will es Ihnen für den Anfang nicht ganz so schwermachen, weißt du?“

„Nicht schwer…“ Buster hatte etwas gebraucht sich zu fassen, ehe er sich vor seinem Freund aufbaute und fauchte „ich zeig dir, wie einfach ich es denen mache.“ Blitzschnell hatte er sich zu den beiden umgedreht, sich runter gebeugt, sie wütend angefunkelt um dann mit gefährlich leiser Stimme zu sprechen: „Am besten ihr versteckt euch schnell und gut. Denn wenn ich euch finde, zerreiße ich Euch in der Luft!“

Das hatten sich Minka und Max nicht zweimal sagen lassen. Wie der Blitz waren sie verschwunden. Ein letztes Mal hatte Buster sich zu Mikesh gedreht und ihm zu gezischt, dass er ihm diese Erniedrigung heimzahlen würde, dann war er den Beiden hinterher gewetzt. Nun jagte er sie durch die komplette Villa. Anfangs verhielten sich Max und Minka eher plump, machten viel zu viele Geräusche, vergaßen ihre Schwänze mit zu verstecken oder suchten sich völlig ungeeignete Verstecke aus, wie zum Beispiel lose Bretter auf Dachbalken, die nicht nur bei jeder Bewegung knarrten, sondern auch sehr wacklig waren. Sogar erfahrene Katzen hatten Mühe sich dort fest zu halten. Aber langsam wurden die Geräusche aus dem inneren der Villa etwas gedämpfter. Na, wenigstens ein kleiner Fortschritt, dachte Mikesh. Er war noch immer nicht ganz überzeugt von der Sache. Ein kleiner Lichtblick winkte ihm, als Leeja und Gaaja das Grundstück erreichten. Geschickt sprang er von seinem Schornstein und hatte mit wenigen, leichtfüßigen Sprüngen das Ende des Daches erreicht. Über einen Vorsprung gelang er auf die Dachrinne, und von dort auf das Verandageländer. Schließlich landete er sicher auf seinen vier Pfoten im hohen Gras.

Leeja entdeckte ihn als erste und kam, betont lässig, auf ihn zugeschritten. Gaaja folgte ihr in einigem Abstand. Sie beschäftigte noch immer die Frage, wann und wie sie es anstellen sollte, ihre alte Freundin zu finden. Sie konnte sich selber aufmachen, in die Stadt. Aber zunächst musste sie sich davonschleichen, ohne dass Leeja oder eine andere Katze etwas mitbekam. Der Weg dahin würde aber auch einige Zeit in Anspruch nehmen. Und sie wollte ja nicht, dass ihr Verschwinden zu früh bemerkt würde. Sie müsste außerdem erst einmal das Versteck finden. Dschingis suchte schon seit Tagen danach. Wie also sollte es ihr gelingen, das Versteck in wenigen Stunden ausfindig zu machen? Sie konnte ja nun schlecht die Straßenkatzen fragen. Abgesehen davon, dass sie fremden gegenüber sehr misstrauisch waren, wüssten wahrscheinlich die wenigsten, wo das Versteck wirklich lag. Außerdem würden sie sie eher an Ceasar verraten, als ihr zu helfen. Kurz erwog sie den Gedanken, es genau darauf ankommen zu lassen. Dann würde sie zumindest zu ihm gebracht werden, würde das Versteck sehen und konnte so nach Blue Ausschau halten. Schnell entschied sie, dass diese Variante viel zu riskant war. Sie hatte wirklich keine Lust wieder in seinem Clan zu enden. Wer weiß, was er mit ihr anfangen würde, nachdem sie ihn verraten hatte? Da sie nicht einmal wusste, ob Blue noch bei ihm war, schied diese Variante aus. Es gab zu viele Unsicherheitsfaktoren. Selbst wenn Sie den Mut aufbrächte sich von seinen Anhängern gefangen nehmen zu lassen, wüsste sie nicht, ob ihr Plan Erfolg hätte. Ihren Freunden hatte sie nichts erzählt, also würde ihr Verschwinden erst später auffallen. Somit würde auch ein Rettungstrupp zu spät kommen. Zu Mal auch die Vorstadtkatzen nicht wussten, wo sie suchen sollten. Nein, sie musste subtiler vorgehen.

Alleine würde sie es nicht schaffen. Aber vielleicht mit ein bisschen Hilfe von Minka. Wenn Max und Minka wirklich in die große Stadt gingen, Erkundigungen einholten und vielleicht sogar Ceasars Versteck ausfindig machen konnten, vielleicht hatte Minka dann die Gelegenheit heraus zu finden, ob Blue auch da war und wie es ihr ging.

Es würde wohl etwas dauern bis sie diese Info schließlich hatte. Doch es schien ihr vorerst die einzige Möglichkeit. Wenn sie die benötigten Informationen hatte, konnte sie immer noch entscheiden, wie sie weiter vorgehen sollte. Als Gaaja den Kopf hob, blickte sie in zwei leuchtend grüne Augen, die sie argwöhnisch musterten.

„Wirklich alles in Ordnung, Gaaja?“ Fragte Mikesh und kniff die Augen zusammen.

„Natürlich“ erwiderte sie schnell und versuchte dabei möglichst locker zu klingen. Aber sie merkte, dass Mikesh ihr das nicht ganz abnahm. Dennoch sagte er nichts, warf ihr nur einen weiteren, kurzen, skeptischen Blick von der Seite zu, ehe er sich umdrehte und auf den Eingang der Villa zu schlenderte. Gaaja und Leeja folgten ihm.

„Buster hat bereits mit dem Training begonnen“ setzte Mikesh die beiden Katzendamen in Kenntnis.

„Wir wollen jetzt die Schwierigkeit etwas erhöhen. Gaaja, du gehst und schließt dich Buster an. Findet Max und Minka, wenn ihr sie findet, greift an. Verletzt sie nicht ernsthaft, aber seit auch nicht zu sanft. Das sind die Straßenkatzen auch nicht.“ Er drehte sich zu den beiden, ihm folgenden, Katzen um und setzte sich. Dann wies er mit dem Kopf in Richtung Tür.

„Bitte sehr, Gaaja. Leg los!“

 

Gaaja betrat die Villa durch ein Loch in der Tür. Ihre Augen hatten sich blitzschnell an die Lichtveränderungen gewöhnt. Im ersten Moment wirkte es unheimlich still in der Villa. Sie konnte die Katzen draußen hören, wie sie fleißig Kampftechniken übten. Brutus bellte immer wieder neue Befehle über den Platz. Doch diese Geräusche versuchte sie jetzt auszublenden. Sie konzentrierte sich voll auf die Geräusche die vom Inneren der Villa kamen. Aus dem Stockwerk über ihr, hörte sie schnelles Pfoten Getrappel. Es handelte sich um Max oder Minka, wie sie für sich feststellte. Die Schritte klangen hektisch und unsicher. Buster hatte einen festen Schritt und einen sicheren Gang. Würde er dermaßen herum trampeln, käme das Geräusch außerdem einem kleinen Erdbeben gleich. Denn auch wenn Buster für seine Verhältnisse einen weichen und leichtfüßigen Schritt hatte, auf Grund seiner Körpergröße und dem damit verbundenen Gewicht, hätte er deutlich mehr Lärm verursacht. Allerdings hatte sie noch nie erlebt, dass Buster viel Lärm verursachte. Er gehörte eher zu den Katern, die sich lautlos anschleichen konnten. Und er war stark. Meistens sah man ihm das nicht an. Er machte auch nie Anstalten seine Stärke unter Beweis zu stellen. Die einen sagten, dafür sei er zu faul, die anderen glaubten er interessiere sich mehr für sein Aussehen, dass seine halblange Mähne gut saß und immer gut geputzt war. Aber Gaaja glaubte einfach, dass es auch ein Stück Taktik war, dass niemand wirklich wusste wie stark er war. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn vermutlich für ein übergroßes Schmusekätzchen. Gaaja jedoch hielt dies für Fassade.

Ein leises Schaben riss sie aus ihren Gedankengängen. Es kam ganz aus der Nähe. Gaaja erstarrte und schnupperte in der Luft. Sie roch das modrige Holz, eine leise Prise Maus. Auch wenn sie schwach die Gerüche all ihrer Freunde wahrnahm, roch sie vor allem Buster, Max und Minka. Angestrengt versuchte sie, die Gerüche voneinander zu isolieren. Letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass Minkas Duft am deutlichsten zu erkennen war. Sie musste hier irgendwo sein. Das Geräusch wurde kein zweites Mal verursacht. Vermutlich, weil es ein Versehen war. Doch dieses eine sollte genügen. Gaaja konzentrierte sich und versuchte einzuordnen aus welcher Richtung es gekommen sein musste. Ihr Blick blieb an der Esszimmergarnitur zu ihrer Rechten hängen. Geduckt und nahezu lautlos schlich Gaaja auf die Stühle zu. Die Augen weit aufgerissen, um jeden noch so kleinen Lichtstreifen, den der Mond durch die Kaputten Fenster schickte, auszunutzen, bewegte sie sich vorwärts. Den langen buschigen Schwanz hatte sie wenige Zentimeter vom Boden abgehoben, damit er nicht schlurrte und somit doch noch Geräusche verursachte, die sie verriet. Vorsichtig setzte sie eine Tatze vor die Andere. Sie hatte den Tisch mit den Stühlen fast erreicht, als ihr ein paar Augen entgegen funkelten. Gaaja unterdrückte ein Schnurren. Sie hatte ihre Beute aufgespürt. Um nicht gleich erkennen zu lassen, dass sie Minkas Versteck erspäht hatte, wandte sie den Blick ab. Leise schlich sie um den Tisch herum, stellte sich auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten auf einen Stuhl abgelegt, und stieß sich vom Boden ab. Lautlos hatte sie sich nun auf den Stuhl geschwungen. Dasselbe wiederholte sie bei dem Tisch. Als sie sich jedoch mit den Hinterläufen vom Stuhl abstieß, geriet dieser ins Wanken. Erschrocken erstarrte Gaaja. Der Stuhl kippte bedrohlich und sie hatte schon Angst er würde mit einem tosenden Krach zu Boden fallen, doch er blieb stehen. Dennoch hatte sie einigen Krach verursacht und sie musste sich nun vergewissern, ob ihre Beute sich noch an Ort und Stelle befand. Sie lief langsam auf den Stuhl zu, wo sie das leuchtende Katzenaugenpaar zuvor entdeckt hatte. Doch wie befürchtet war der Stuhl leer. Gaaja setzte sich und bemühte sich, sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu lassen. Doch das wilden Peitschen ihrer Schwanzspitze konnte verriet ihren Gemütszustand. Sie rief sich zur Ordnung. Der Geruch von Minka war allgegenwärtig. Weit konnte sie nicht gekommen sein. Sie schaute in den großen Raum hinein, versuchte jede Bewegung zu erspähen. Das fahle Mondlicht wurde für kurze Zeit von einer dunkeln Wolke bedeckt. Als diese endlich weiterzog, entdeckte Gaaja eine Schwanzspitze, die sich die Treppe hoch bewegte. Der Rest des Körpers war im Schatten verborgen. Und hätte Minka den Schwanz nicht einladend nach oben gestreckt, hätte der Schein des Mondlichts diesen nicht erreicht. Belustigt schüttelte Gaaja den Kopf. ‚Noch so viel zu lernen‘ dachte sie bei sich. Dann glitt sie lautlos vom Tisch herunter und tigerte, immer die Deckung des Schattens benutzend, Richtung Treppe. Die Treppenstufen knackten leise. Minka schien zu denken, dass Gaaja dies nicht hören würde. Doch sie war ihr schon ganz nah. Gaaja überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte. Buster musste sich irgendwo oben aufhalten. Also könnte sie Minka in seine Richtung drängen. Oder sie drängte sie in eine Ecke, um dann anzugreifen. So oder so, sie durfte sie nicht aus den Augen verlieren. Leise, Schwanz und Kopf gesenkt, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, schlich nun auch Gaaja die Treppe hinauf. Dabei hielt sie sich vor allem am Rand auf, denn dort knarrten die morschen Stufen nicht so sehr, wie in der Mitte. Oben angekommen, prüfte sie erneut die Luft. Sie erkannte jetzt auch ganz deutlich die Gerüche von Max und Buster. Als sie sich umsah, verschwand die Schwanzspitze von Minka grade hinter einer Tür. Leise folgte Gaaja ihr und blickte um die Ecke, in den Raum hinein. In der Mitte des Raumes stand ein altes Bett mit einer noch älteren Matratze. Gaaja zuckte mit der Nase. Es roch unangenehm. Diesen Ort hatten schon viele verschiedene Tiere als Toilette benutzt, wie ihr die Information, die sie aus den Gerüchen entnehmen konnte, sagten. In einer Ecke sah sie ein kaputtes Regal. Im Dach klaffte ein Loch und ein Balken ragte in das Zimmer hinein. Kurz entschlossen ging Gaaja in das Zimmer, sprang auf den Balken und lief zum Dach hoch. Jetzt sah Minka ihre Chance gekommen, ihre Verfolgerin ab zu schütteln. Leise schlich sie unter dem Bett hervor. Sie vergewisserte sich kurz, dass Gaaja auch wirklich auf dem Dach war und nicht etwa noch auf dem Balken auf sie lauerte, dann schob sie sich langsam zur Tür. Fast hatte sie diese erreicht, als ein dunkler Schatten auf sie fiel. Gaaja stand an dem Loch zum Dach, den Mond im Rücken. Ohne lange zu warten, sprang sie zu Minka hinunter und versuchte, sie auf den Boden zu drücken. Doch Minka war schnell und wendig, so bekam Gaaja nur ihre Hinterläufe zu packen. Doch das genügte, dass Minka zu Fall kam. Fauchend wand sie sich unter Gaajas Körper, drehte den Oberkörper ein und schlug mit ihren Tatzen auf Gaajas Kopf ein. Als diese sich unter ihren Hieben wegduckte, strampelte sie ihre Hinterbeine frei, und rannte wie der Blitz durch die Korridore der Villa. Doch sie kam nicht weit. Eben wollte sie Schutz in einem anderen Zimmer suchen, da stürzte etwas Schweres von hinten auf sie drauf, drückte ihren Bauch auf den Boden und nagelte sie so fest. Der vertraute Geruch von Gaaja stieg ihr in die Nase.

„Hab dich meine hübsche“ schnurrte Gaaja ihr ins Ohr. „Nicht mehr lange“ fauchte Minka. Mit aller Kraft versuchte sie die größere Gaaja von sich herunter zu schütteln. Zwar gelang es ihr, dass sich Gaajas Griff etwas lockerte, aber ganz abzuschütteln vermochte sie ihre Gegnerin nicht. Schließlich gab sie die Gegenwehr auf und lies ihren Körper erschlaffen.

„Na, na“ miaute Gaaja überrascht. „Bist du etwa so schnell besiegt? Dann werden die Straßenkatzen aber leichtes Spiel mit Dir haben…“ eine Unachtsamkeit Gaajas ausnutzend, schaffte es Minka, ihren Oberkörper zu drehen und Gaaja einen kleinen Kratzer an der Wange zu verpassen. Da sich ihr Griff bei dem Treffer lockerte, gelang es Minka, nun auch den Unterkörper zu drehen und ihre Hinterläufe in Gaajas Bauch zu rammen. Die Kraft war zwar nicht ausreichend, um Gaaja von sich weg zu schleudern, aber es genügte, um Gaaja zwei Schritte nach hinten taumeln zu lassen. Blitzschnell war Minka wieder auf den Pfoten und wollte grade einen weiteren Sprint hinlegen, als sie feststellte, dass sie das eine Ende der Villa erreicht hatte. Sie stand in einer Sackgasse. Hinter ihr hatte sich Gaaja bereits wieder gefangen. Sie Stand am Eingang der Tür, durch die Minka eigentlich weiter entkommen wollte. Nun ging sie an der Tür vorbei auf Minka zu und baute sich in voller Größe auf. „Dann wird jetzt also gekämpft“ miaute Minka und versuchte dabei zuversichtlich und angriffslustig zu klingen. Was ihr aber offensichtlich nicht sonderlich gelang. Gaajas Kehle entwich ein tiefes Schnurren.

„Na los doch“ maunzte sie. „Du willst doch in die Stadt, oder nicht? Dann musst du auch bereit sein, dafür zu kämpfen.“ Wie um ihre Worte zu untermauern buckelte sie und gab ein gefährliches Fauchen von sich. Minka machte sich bereit. Sie fixierte Gaaja mit zusammengekniffenen Augen und nahm ihre Kampfposition ein: den Hintern erhoben, den Kopf gesenkt, die Hinterläufe sprungbereit angespannt, die Vorderläufe vor sich, die Krallen schabten am Holz. Dann griff Gaaja sie an. Sie sprang auf sie zu, doch Minka wich geschickt zur Seite aus und holte zum Gegenangriff aus. Sie versetzte Gaaja einen tritt in die Flanken, um sie zu Fall zu bringen, was ihr augenscheinlich auch gelang. Aber Gaaja war nicht nur kräftiger als Minka, sondern auch erfahrener. Sie verlor zwar kurz das Gleichgewicht, hatte aber bereits zu diesem Zeitpunkt schon den Oberkörper eingedreht und hechtete nun mit den Vorderläufen auf Minka zu. Sie bekam sie mit ihren Krallen an den Hinterläufen zu fassen, als sie grade an Gaaja vorbei huschen wollte. Minka verlor nun ihrerseits das Gleichgewicht und fiel der Länge nach auf die Holzdielen. Wütend fauchend trat sie mit den Hinterbeinen nach Gaajas Kopf. Als diese sich weg duckte, kam Minka frei und stand wieder auf allen vieren. Doch Gaaja hatte sich mittlerweile auch aufgerappelt und ging erneut zum Angriff über. Grade noch rechtzeitig drehte sich Minka um. Schnell warf sie sich auf den Rücken. Gaaja stand über ihr und schlug mit einer Pranke nach Minkas Bauch. Doch diese hatte bereits die Hinterläufe angezogen um ihren Bauch zu decken. Kräftig trat sie nun damit nach Gaaja. Diese war aber darauf vorbereitet und hopste geschickt zur Seite. Minka rappelte sich auf und ging nun ihrerseits auf Gaaja los. Sie war kleiner und wendiger als ihre Sparringspartnerin. Das versuchte sie sich zunutze zu machen. Geduckt hockte sie vor ihr, fauchte, zeigte ihre Zähne und versuchte dann Blitzschnell einen Treffer gegen Gaajas Brust zu landen. Die Krallen ausgefahren fuhr sie an ihrem dicken Fell entlang. Gaaja antwortete darauf, indem sie sich auf die Hinterläufe stellte und sich von vorn auf Minka fallen ließ. Diese versuchte der Attacke noch mit einer Wendung zu entkommen, doch Gaaja landete Quer auf ihrem Rücken und biss ihr sanft in den Nacken. Minka kam sich vor wie ein kleines Kätzchen, dass jeden Moment von seiner Mutter wieder ins Körbchen getragen wird. Das behagte ihr gar nicht. Doch sie bewegte sich nicht. Sie wusste, dass sie dieses Duell schon verloren hatte.

„Du hast dich gut geschlagen“ Miaute Gaaja ihr anerkennend ins Ohr, ließ ihr Nackenfell los, und stieg von der besiegten Gegnerin herunter.

„Oh, ich habe noch viel zu lernen“ seufzte Minka niedergeschlagen, rappelte sich auf, schüttelte sich und begann dann ihr Fell zu putzen.

„Das ist wahr“ schnurrte Gaaja. „Aber ich habe beschlossen, dir zu helfen.“ Minka blickte auf.

„Indem Du mich im Kampf besiegst?“ Fragte sie skeptisch. „Das auch“ erwiderte Gaaja. „Ich werde noch mehr tun, als das.“ Minka horchte auf, als Gaaja auch schon weitersprach. „Ich werde dir alles beibringen, was ich weiß. Übers Kämpfen, über Tarnung, über das lautlose Bewegen. Und ich werde dich mit allen Informationen versorgen, die dir nützlich sein könnten. Über Ceasar und seinen Clan. Auch über Straßenkatzen. Obwohl ich über die vermutlich weniger weiß, als Dschingis.“

„Wieso willst Du das tun?“ wunderte sich Minka. Misstrauisch musterte sie die rotweiße Katze mit dem halblangen Fell, die sich jetzt verstohlen umsah. Sie senkte die Stimme, ehe sie antwortete: „Zum einen, will auch ich, dass ihr Erfolgt habt. Ich habe wirklich keine Lust, dass Ceasar hier die Oberhand gewinnt. Zum anderen habe ich eine wichtige Bitte an Dich.“ Minka rutschte näher heran und hörte aufmerksam zu.

„Es gibt da eine alte Freundin. Sie hat mir und Leeja damals zur Flucht verholfen, ist aber selber dageblieben. Ich weiß nicht ob ihr Verrat an Ceasar je herausgekommen ist. Ergo habe ich keine Ahnung ob sie noch lebt und wie es ihr geht.“ Gaaja stockte. Minka bemerkte, dass Gaaja der Gedanke an die alte Freundin sehr belastete. Schnurrend rieb sie ihr Kopf unter Gaajas Kinn, um ihr Mut zu machen, weiter zu sprechen.

„Bitte, du musst versuchen heraus zu finden, ob es Blue gut geht. Wenn ja, muss ich mit ihr sprechen.“ Bei dem letzten Satz wich Minka erschrocken zurück.

„Gaaja“ begann sie langsam. Mitgefühl und Angst lieferten sich in Ihrer Stimme einen erbitterten Kampf. „Es ist eine Sache, Informationen zu beschaffen. Aber es ist eine andere, ein Treffen zu organisieren. Selbst wenn sie noch lebt, wenn es ihr gut geht, es ist zu riskant, dich mit ihr zu treffen. Und riskant für mich, ihr eine Botschaft zu übermitteln.“ Gaaja senkte den Kopf und blickte beschämt zu Boden.

„Ich weiß, was ich verlange ist viel. Wenn ich weiß, ob es ihr gut geht, ist mir schon sehr geholfen. Aber wenn sich für Dich die Möglichkeit ergibt, ihr zu sagen sie solle mich am Stadteingang treffen…“ sie hob den Blick und sah Minka tief in die Augen. „Ich wäre dir ewig dankbar.“ Als ob sie sich gerade besonnen hatte, was sie da sagte, richtete Gaaja sich auf und straffte die Schultern.

„Natürlich geht Eure Sicherheit vor. Tu es nicht, wenn Du dich selbst ernsthaft gefährden könntest. Ich…“ sie sah wieder auf Ihre Pfoten, „könnte es nicht ertragen, wenn euch wegen mir etwas zustößt.“ Leise schnurrend kam Minka auf Gaaja zu, rieb ihren Kopf an ihre Wange und flüsterte: „Ich sehe was ich tun kann. Versprochen.“

 

… weiter mit Kapitel 8

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