Prolog – Vorstadtkatzen

Sie rannte durch den Wald. Dunkle Wolken schoben sich vor den großen, runden Mond, der die kahlen Äste der Bäume bisher in sein unheimliches, bleiches Licht getaucht hatte. Nun verschaffte sich das nahende Unwetter, durch sein immer lauter werdendes Donnergrollen, Gehör. Bald erhellten wild zuckende Blitze den Himmel. Der kalte Wind zerrte an ihrem Fell, machte das Vorankommen mühsamer. Doch sie rannte weiter. Sie wusste nicht wohin oder wie lange sie schon in diesem Tempo durch die Nacht preschte. Aber, auch ohne dass sie sich umdrehte, wusste sie, dass ihre Verfolger

Verfolger ihr dicht auf den Versen waren, dass sie nicht anhalten durfte. Anhalten bedeutete verlieren. Ihre Selbstbestimmung, ihre Prinzipien, ihre Freunde und ihr neues Leben, dass sie sich mühsam hatte aufbauen müssen und das ihr inzwischen so lieb geworden war. Es bedeutete, er hätte sie erneut in seiner Gewalt. Erneut hätte er Macht über sie. Doch das durfte sie nicht zulassen! Ihr Magen verkrampfte sich vor Angst bei dem Gedanken. Den Schmerz in ihren Beinen spürte sie schon lange nicht mehr. Auch nicht die Eiseskälte dieser stürmischen Nacht. Und doch spürte sie, wie langsam ihre Kräfte schwanden. Die kalte Luft stieß bei jedem Atemzug wie ein spitzer Stock in Ihre Lunge. Ein leises Stimmchen in ihrem Kopf, dass noch nicht vollständig von der Angst verdrängt worden war, wusste, dass sie nicht mehr lange so weiter rennen konnte. Ihre Verfolger waren ihr nicht nur zahlenmäßig weit überlegen, nein, auch an Fitness und Muskelkraft. Ja, Ceasar verstand es noch immer seine Leute gut auszubilden. Grausam und Brutal. Aber wirkungsvoll. Wie ein dunkler Schatten, lastete ihre Vergangenheit auf ihrer Seele. Immerzu hatte sie Angst, dass sie sie erneut einholen und ihre Zukunft schließlich zerstören könnte.

Als die prall gefüllten Wolken sich nun endlich in Form von strömenden Regen Erleichterung verschafften, wurde es für sie immer schwieriger, durch die Regenwand hindurch ihre Umgebung gut zu erkennen. Ihr nasses Fell hing schwer an ihr, machte das Vorankommen erheblich schwieriger. All ihre Kräfte zusammennehmend, versuchte sie, noch einmal das Tempo zu erhöhen. Doch dann geschah es. Sie übersah eine aus der feuchten Erde herausragende Baumwurzel, stolperte und viel der Länge nach auf den Waldboden. Verzweifelt versuchte sie sich wieder aufzuraffen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach. Die lange Hetzjagd forderte schließlich ihren Tribut und so blieb sie erschöpft liegen. Ihre Verfolger hatten sie bald eingeholt. Von dem bestialischen Gestank, den sie verströmten, drehte sich ihr Magen um. Die Aggressivität, die von ihnen auszugehen schien, überstieg alles, was sie je für möglich gehalten hatte. Die Angst schürte ihr die Kehle zu, ließ ihre Sicht verschwimmen und ihre Glieder zittern. Dennoch zwang sie sich einen kühlen Kopf zu bewahren und den Kopf ihren Verfolgern zuzuwenden – und blickte in zwei glühend rote Augen …

 

Schweißgebadet wachte Gaaja auf. Ihr Atem kam stoßweise, ihr Herz schlug vor Aufregung schnell. ‚Ein Traum‘, dachte sie ‚es war nur ein schlimmer Traum‘. Aber an Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Also stand sie auf, reckte sich und verließ das Zimmer. Leise schlich sie hinunter in den ersten Stock des Hauses, setzte sich an die verglaste Verandatür des Wohnzimmers und sah zum Vollmond hinaus. Rund und hell stand er am Himmel und beleuchtete die Vorstadt mit seinem kühlen Schein. Sie nahm einige tiefe Atemzüge, bis sich ihr Herzschlag wieder normalisierte.  Der Anblick des Mondes und der Sterne am wolkenfreien Himmel, hatten schon immer eine beruhigende Wirkung auf sie. In dem Glas, indem sie sich selbst sah, erkannte sie auch Ihre Freundin, die mittlerweile hinter sie getreten war und mitfühlend das Gesicht verzog. „Gaaja?“ fragte sie. „Was ist los? Hattest Du wieder diesen schlimmen Traum?“ Seufzend erhob sich Gaaja, wandte sich schweren Herzens vom Anblick des Mondes ab, lief ein paar Schritte bis zum Sofa und sprang hinauf. „Es ist immer derselbe. Ich werde gejagt. Diesmal durch einen Wald. Und wieder haben sie mich gefangen. Und diese Augen…“ sie schauderte. Die kleinere Katze sprang nun ebenfalls auf das Sofa und leckte der Freundin tröstlich über die rötlichen Ohren. „Es war nur ein Traum. Wir sind hier sicher“ versuchte sie sie zu beschwichtigen.

„Ich bewundere deinen Optimismus, Leeja“ gab die Freundin schnurrend zurück, ehe sie erneut sorgenvoll die Augen zusammenkniff. „Aber er hat uns hier schon einmal aufgespürt. Er weiß, wo wir jetzt sin. Letztes Mal hatte er es zwar gar nicht auf uns abgesehen, aber er wird sicher wiederkommen.“ Mit einem Schaudern dachte sie an die Nacht zurück, als er den alten und weisen Kater Jeronimus, der von allen Katzen der Vorstadt geschätzt und verehrt wurde, entführt hatte.

„Mikesh und die anderen haben ihn doch damals vertreiben können. Und das werden sie auch wieder tun, wenn es nötig sein sollte“ erwiderte Leeja mit dem Brustton der Überzeugung. Doch Gaaja zweifelte noch immer. Zu groß war die Angst vor diesem Kater, der alles Böse der Welt zu vereinen schien. Er war der bösartigste und brutalste Kater den sie kannte. Aber auch der Gerissenste. Nachdem sie und Leeja ihm endlich entkommen waren, hatten sie sich ein neues Leben in der Vorstadt aufgebaut. Sie waren zu einem netten Paar Dosenöffner gekommen, wo sie sich zum ersten Mal geborgen gefühlt hatten. In der belebten Nachbarschaft fanden sie schnell neue Freunde. In der Vorstadt gab es viele schnurrende Samtpfoten, so wie sie welche waren. Einige verbargen sich im Haus. Andere konnten sich draußen frei bewegen, wie sie und Leeja. Sie hatten gedacht, ihre Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben, doch dann kam alles ganz anders …

„Und jetzt gibt es da auch noch diese Gerüchte“ murmelte sie und legte den Kopf erschöpft auf die Vorderpfoten ab. „Ach, es gibt immer Gerüchte“ schnaufte Leeja bestimmt.

„Ja, du hast ja recht“ gab die Freundin zu. „Aber diesmal ist es … irgendwie anders…“ Gaaja musste all ihren Mut zusammennehmen, um ihre Gefühle schließlich in einem vollständigen Satz zum Ausdruck zu bringen: „Glaub mir Leeja, er ist wieder da – und diesmal wird er noch viel gefährlicher sein!“

 

… weiter mit Kapitel 1

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