10. Kapitel – Vorstadtkatzen

Mit einem Krachen, dass den Staub auf den Holzdielen aufwirbelte, fiel das Brett zu Boden, dass Cassandra bis eben mit den Krallen bearbeitet hatte. Als sie jetzt vor dem abgewetzten Stück Holz stand und ihr Werk begutachtete, atmete sie erstmals tief durch, seit sie ihre Mutter im Garten der Villa stehen gelassen hatte. Ihre anfängliche Wut verrauchte langsam, nachdem sie ein Objekt gefunden hatte, an dem sie sich abreagieren konnte. Schließlich war sie purer Euphorie gewichen, und dem Drang, sich körperlich zu betätigen und stärker zu werden. Sie hatte sich nicht nur einfach die Krallen gewetzt. Sie hatte sich mit ganzer Kraft dagegen geworfen, darauf eingehämmert, war immer wieder hochgesprungen, als wäre das arme Brett die Ursache allen Übels auf der Welt. Nun musste sie erstmal wieder zu Atem kommen.

„Und? Geht es Dir jetzt besser?“ Erschrocken fuhr Cassandra herum. Sie hatte nicht bemerkt, wie sich jemand genähert hatte. Doch die Art wie Brutus auf dem Fenstersims hinter ihr saß und sie ruhig musterte sagte ihr, dass er schon seit längerem da sein musste. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, schämte sich sogar ein wenig dafür, dass sie so die Nerven verloren hatte. Wo sie doch sonst eher ruhig und besonnen war.

„Mach dir nix draus“ schmunzelte der muskulöse Kater. „Jeder hat sich schon an diesem Haus abreagiert. Diese Villa erzählt quasi die Geschichte von jedem Streit und jedem Kampf, den es einmal in diesem Viertel gab. Ich könnte dir Räume zeigen, die sind von einigen unserer Freunde völlig verwüstet worden.“

„Wirklich?“ Cassandra schmunzelte und setzte sich hin. „Wirklich. Und ich muss gestehen, dass ich an den meisten morschen oder losen Brettern nicht ganz unschuldig bin.“ Er blinzelte sie verschmitzt an.

„Ich war schon immer ein Kater fürs Körperliche, weißt du? Reden ist nicht so mein Ding…“

„Dafür bist du heute aber sehr gesprächig“ grinste Cassandra ihn frech an.

„Ja, manchmal muss man eben über gewisse Sachen reden – das sagt jedenfalls Mike immer zu mir…“ Er lachte und sprang zu Cassandra hinunter.

„Also, du kannst mir erzählen was los ist, oder das ganze Haus in Schutt und Asche legen. Damit hast Du ja schon erfolgreich begonnen. Allerdings wäre es doch sehr schade, wenn nachher nichts mehr übrig wäre, wo wir in Ruhe unsere Trainingseinheiten ausleben könnten. Wenn Du Dich aber entscheiden solltest darüber zu reden, kann ich Dir vielleicht helfen, eine Lösung für deine Probleme zu finden. Deine Entscheidung. Ich zwinge Dich zu nichts.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Warte“ hielt Cassandra ihn auf, der grade eine Idee gekommen war.

„Ich… Ich will kämpfen. Ich meine, ich will vorbereitet sein, auf das was kommt. Nicht mit Samthandschuhen angefasst werden wie Ami und Maja das machen. Ich will ernst genommen werden. Ich… bin schon fast erwachsen, ich… bin nicht so wie die anderen.“ Brutus, der sich zu ihr umgedreht hatte, kam langsam näher.

„Jeder von uns ist anders. Buster ist ein Frauenheld, Mikesh der geborene Anführer, Felix der absolute Leisetreter und ich der beste Kämpfer weit und breit.“ Cassandra gluckste. „Was? Glaubst Du mir etwa nicht?“ Brutus tat entrüstet. „Nenn mir einen Kater, der stärker ist als ich!“

„Dschingis“ platzte Cassandra heraus, ehe sie sich zügeln konnte. Brutus machte ein langes Gesicht.

„Waaas?? Cassandra, dass trifft mich mitten ins Herz!“ Theatralisch ließ er sich zur Seite fallen, wo er regungslos liegen blieb. Cassandra schnurrte amüsiert und kam langsam auf ihn zu geschlichen. Als sie dicht bei ihm stand und an seinem Nacken schnüffelte, schlug Brutus schnell die Augen auf, klammerte seine Vorderpfoten um Cassandras Nacken und zog. Die kleine schwarze Katze wurde über ihn hinweg gezogen und landete auf dem Rücken, auf seiner anderen Seite.

„Zugegeben. Dschingis ist sehr geschickt. Und ein ernst zu nehmender Gegner. Aber ich habe auch einiges auf dem Kasten“ schnurrte er. Cassandra rappelte sich schnell auf. „Du hast mich nur überrascht“ murrte sie trotzig und leckte sich die Brust.

„Dann lass dich nicht überraschen.“ Schnurrte Brutus und erhob sich. Er überragte die Kleine um einen ganzen Kopf. Für Cassandra war er sehr groß. Doch Brutus hatte das Gefühl, vor wenigen Woche habe sie ihm noch nicht einmal zur Brust gereicht. Sie hatte recht. Sie war vielleicht körperlich nicht besonders groß. Aber sie war definitiv kein Kätzchen mehr. Also fasste er einen Entschluss.
„Lektion eins. Lass Dich niemals von der Wut leiten! Wut macht dich schwach. Lerne deine Wut in Energie umzuwandeln. Das macht dich stark.“

Cassandra blickte auf. Ihre Augen funkelten und Brutus wusste, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag. Sie war eine Kämpfernatur. Sie hatte es im Blut. Mit dem richtigen Training, konnte aus ihr eine sehr geschickte, junge Kämpferin werden.

 

***

 

Max hastete über die Dächer der Vorstadt. Jeder seiner Tritte saß, er schwankte nicht und hatte das Ziel vor Augen. Er Jagte hinter Dschingis Geruch her, wohl wissend, dass seine Partnerin in der Nähe war und von unten auf den Mentor Jagd machte. Durch die ganze Nachbarschaft waren sie bereits geflitzt. Dschingis war schnell und tarnte sich gut. Gelegentlich hatten sie seine Spur verloren. Aber sie fanden sie schnell wieder. Seit sie mit Dschingis trainierten hatten sie einiges dazu gelernt. Max hatte zunehmend an Geschicklichkeit gewonnen und war im Kampf nun sogar für Mikesh oder Brutus ein ernst zu nehmender Gegner. Die Zusammenarbeit mit Minka hatte sich deutlich verbessert. Sie witterten den anderen in der Nähe nicht nur, sie konnten ihn sogar ziemlich genau lokalisieren. So hatten sie viel Spielraum bei Verfolgungsjagden oder der Durchführung eines Hinterhalts. Als Ergebnis konnte Max nun genau sagen, dass Minka sich in etwa auf gleicher Höhe  mit ihm befand. Er hatte dieses Mal den schwierigeren Weg gewählt und sprang von Dach zu Dach, sofern das möglich war. Da in der Vorstadt einige Stadtteile aus Häusern mit großen Gärten bestand, war die Entfernung der Dächer zu groß. Doch er hatte gelernt jede Gegebenheit, die sich ihm bot, für sich zu nutzen. Das würde in der Stadt noch sehr wichtig werden, denn dort würden sie unbekanntes Territorium betreten. Jetzt nutzte er diese Fähigkeit, um die Entfernung zum nächsten Dach geschickt zu überbrücken. Erneut raste er auf das Ende eines Daches zu. Schnell realisierte er, dass er den Sprung auf das nächste Dach nicht schaffen würde. Er verlangsamte seinen Schritt um Zeit zu haben, sich auf die Gegebenheiten einzustellen. Konzentriert, trabte er an das Ende des Daches heran. Bald schob sich eine Garage in sein Blickfeld. Er schlitterte seitlich am Dach herunter, sprang ab und landete sicher auf dem Dach der Garage. Von Dort aus war es nur noch ein kleiner Sprung zu der überdachten Veranda des Nachbarhauses. Er nutzte das Rohr der Regenrinne, das nach unten verlief und das eingefangene Wasser in ein kleines Fass leitete, um sich nach oben zu hieven, und stand bald sicher auf dem nächsten Dach. Minka hatte nun einen kleinen Vorsprung, aber den würde er bald wieder eingeholt haben. Auf das nächste Haus gelang über ein kleines Gartenhäuschen und dem Balkon im ersten Stock. Weiter ging die wilde Verfolgungsjagd. Doch mit einem mal bemerkte er, dass sich etwas verändert hatte. Er hielt inne und witterte in der Luft. Als er sich darauf konzentrierte, kitzelte ihn der Duft von Minka in der Nase, die wenige Schritte vor ihm angehalten haben musste. Langsam pirschte er sich an das Ende des Daches heran und lugte hinunter. Minka hatte sich hinter einen kleinen Busch am Rande des Nachbargrundstückes, welches mit hohem Gras und viel Unkraut überwuchert war, gekauert. Das Haus schien nicht bewohnt, denn die Dosenöffner legten normalerweise Wert auf einen gepflegten Garten.

Der Geruch von Dschingis hing vage in der Luft. Hatte er ihn grade verpasst? Das glaubte er nicht. Sicher hatte er nur seine Duftspur gut verwischt. Vielleicht würde er unten mehr riechen. In dem Moment sah Minka zu ihm hoch und nickte. Er verstand. Leise rutschte er auf der anderen Seite des Daches hinunter, und verschwand im Garten des Hauses, auf dem er sich bisher befunden hatte. Eine Hecke trennte diesen mit dem benachbarten, wilden Garten, an dessen zur Straße gerichteten Seite sich Minka verborgen hielt. Max zuckte es in der Nase, je mehr er auf die Hecke zu kam, die beide Grundstücke voneinander trennte. Er fand ein kleines Loch und schob sich hinein – bemüht, keine Laute zu machen, was ihm eher mittelmäßig gelang, da er etwas zu groß für das Loch und zu tapsig für die kleinen Äste war. Am Rande des Grundstückes roch es noch intensiver nach Dschingis. Geduckt schlich Max im hohen Gras vorwärts. Er roch Minka, die sich mittlerweile auch in Bewegung gesetzt zu haben schien. Nach einem erneut intensiven wittern entschied er, dass sich Dschingis tiefer im Garten, und damit weiter von Minka weg, versteckt haben musste. Also drehte er sich leise und schlich in eine andere Richtung als zuvor. Bei einer kleinen Holzhütte im hinteren Teil des Gartens, machte er halt. Dschingis musste hier irgendwo sein. Er blickte starr vor sich her und konzentrierte sich auf sein Gehör. Er hörte die Bienen geschäftig von einer Blume zur nächsten fliegen, hörte die Vögel in der Hecke zwitschern – offenbar hatten die grade Nachwuchs, denn das plärren dröhnte schon nahezu schmerzhaft in seinen Ohren. Er hörte ein leises rascheln hinter sich, dass von Minka stammte, wie er entschied. Sie schlich seitlich hinter ihm entlang, die Augen weit aufgerissen, damit ihr nicht jedes noch so kleine Detail entging. Plötzlich hörte Max ein leises Scharren. Minka schien es auch vernommen zu haben, denn sie blieb wie angewurzelt, mitten in der Bewegung, stehen und lauschte angespannt. Langsam schlich nun Max vorwärts. Unter einem kleinen Holzverschlag seitens der kleinen Hütte, waren alte, verrostete Fahrräder ohne Räder, zerschlissene Autoreifen und gammelige Holzscheite abgelegt. Diese mussten den letzten Bewohnern des Hauses gehört haben. Langsam näherte er sich dem Verschlag, als plötzlich etwas Schwarzes mit ausgefahrenen Krallen auf ihn zu sprang. Dschingis stürzte sich auf Max, der sich schnell rücklings auf den Boden warf. Den Schwung, den Dschingis durch den Sprung mitbrachte, ausnutzend, hub er seine Hinterläufe in den Bauch des schwarzen Freundes und schleuderte ihn über sich hinweg. Der Straßenkater schien damit schon gerechnet zu haben. Er vollführte eine elegante Drehung und kam schließlich leichtfüßig, und auf allen vieren gleichermaßen ausbalanciert, vor Max zum Stehen. Nun war es Minka, die einen Angriff wagte. Von hinten schlich sie sich an den gemeinsamen Gegner heran. Ihre Bewegung aus den Augenwinkel registrierend, bückte sich Dschingis, und sie zischte über seinen Kopf hinweg auf Max zu, der ihr geschickt auswich, da er erkannt hatte, in welcher Richtung sie zu landen gedachte. Kaum, dass Minka an ihm vorbei war, trat er bereits auf Dschingis zu und hub mit den Vordertatzen nach ihm. Dschingis wich geschickt zurück. Dann setzte er zum Gegenangriff an und schlug seinerseits nach Max. In seinem Rücken machte sich Minka schnell zum nächsten Sprung bereit. Ohne jedes Vorzeichen duckte sich Max plötzlich, damit Minka, seinen Rücken als Sprungbrett benutzend, erneut mit ausgestreckten Krallen auf Dschingis zu fliegen konnte. Dieser war von dem plötzlichen Angriff überrascht. Seinen guten Reflexen verdankte er es, dass er grade noch ausweichen konnte, ehe sie ihn frontal getroffen hätte. Doch es gelang ihr, Dschingis einen kleinen Kratzer an der Schulter zu verpassen. Bei den vielen Narben, die der schwarze Kater auf seinen Kämpfen erworben hatte, viel diese eine kaum auf. Und doch, war sie etwas Besonderes. Denn bisher war es, außer Mikesh und Brutus, noch keinem gelungen, ihn auch nur mit einer Kralle zu treffen.

Dies wohlwollend registrierend, vergaß er einen Moment, dass er noch einen weiteren Gegner vor sich hatte. Max nutzte die Ablenkung und riss Dschingis zu Boden. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, um seine Hinterläufe sicher unter Max‘ Bauch zu setzen und ihn über sich hinweg zu hieven. Max konnte sich grade noch rechtzeitig drehen und den Sturz mit seinen Beinen abfedern. Dschingis war auch mittlerweile aufgestanden und setzte sich. Der Kampf war für ihn vorerst vorbei und zufrieden schnurrend putzte er sein sprödes Fell.

„Ihr habt wirklich eine Menge gelernt in den vergangenen Nächten.“ Mit vor Stolz aufgerichteten Schwänzen kamen Max und Minka näher und setzten sich zu ihrem Mentor. „Zusammen seid ihr wirklich ein unschlagbares Team. Jeder für sich ist schon ein passabler Kämpfer. Zusammen könnt ihr aber zu einer echten Gefahr werden.“ Max und Minka wechselten freudige Blicke.

„Nur eins könnt ihr besser als das“ fuhr Dschingis fort, „Spuren lesen.“

„Max ist auch schon viel geschickter und wendiger geworden“ schnurrte Minka und sah ihm liebevoll in die Augen.

„Dafür hast Du unendlich viel Power in deinem kleinen süßen Hintern“ gab er verliebt zurück. Dschingis verzog das Gesicht und rollte mit den Augen.

„Ich glaub mir wird schlecht“ murmelte er. Aber tatsächlich hatte er eine wirklich gute Beziehung zu den beiden braun-schwarz gestreiften Katzen aufgebaut. Er empfand sogar eine gewisse Zuneigung, ja, fast schon freundschaftliche Gefühle. Vor allem zu Max, der wirklich alles wissbegierig in sich aufsog, was Dschingis erklärte.

Als er so über die Fortschritte der beiden nachdachte, bemerkte er plötzlich eine Veränderung in der Umgebung. Ein neuer Geruch, der schnell stärker wurde. Nein – ganz neu war er nicht. Aber genau zuzuordnen vermochte er ihn auch nicht. Da sprang ein kleines, schwarzes Etwas aus dem Gebüsch neben ihm heraus und stürzte sich fast schon lautlos auf ihn. Als wäre es eine seiner natürlichsten Bewegungen, ließ er sich nach hinten fallen und beförderte den Angreifer mit den Hinterläufen nach hinten. Überraschenderweise schien sein neuer Gegner die Situation blitzschnell in einen Vorteil umzuwandeln. Die kleine Katze kam ihm gegenüber sicher und geschickt auf allen vier Beinen auf und raste sofort wieder auf ihn zu. Er glaubte sie zu erkennen. Könnte es sein? Die Art wie sie sich bewegte, sich in der Luft drehte und sicher auf allen vieren auf dem Boden landete – das hatte er vor einigen Nächten bereits erlebt. Das musste die kleine Katze sein. Wie war noch ihr Name? ‚Cassandra‘ schoss es ihm durch den Kopf, als er blitzschnell ihrer Tackle-Attacke auswich.

Abrupt stoppte sie und stürzte sich aus dem Stand wieder auf den schwarzen Kater, der immerhin noch einen Kopf größer war, als sie. Auch dieses Mal wich er ihr aus. Und weiter, als sie mit ihren kleinen Tatzen nach ihm ausholte. Wieder und immer wieder. Es war keine Herausforderung für ihn, diesen Angriffen auszuweichen. Was ihn aber überraschte und ihn schneller atmen ließ, war die Schnelligkeit und die Inbrunst, mit der diese kleine Katze ihm offenbar ans Leder wollte. Schließlich wurde es ihm zu dumm.

Nicht, dass er das kleine Spielchen und das Kämpfen an sich nicht genoss. Aber im Moment gab es wichtigere Dinge, als sich mit dem kleinen Balg von Maja oder Ami herum zu schlagen. Also setzte er zum Gegenangriff an, begrub die kleine Katze unter seinem Körper und nagelte sie am Boden fest. Sein Gesicht war dicht über ihres geneigt und er sah ihr fest in die Augen. Diese Augen. Dieses Gesicht. Einmal mehr hatte er das Gefühl, in einen Spiegel zu gucken. Langsam drang Minkas Stimme an sein Ohr, die mit peitschendem Schwanz auf die beiden einredete.

„Cassandra, was soll der Blödsinn? Komm wieder zu dir!“ „Du störst grade unser Training“ grummelte Max und klang dabei deutlich weniger enthusiastisch als Minka.

„Dschingis, geh von ihr runter. Sie ist doch noch ein Kätzchen“ schimpfte Minka weiter. Dschingis ließ Cassandra los, die sofort auf die Beine sprang und jetzt Minka wütend anfauchte.

„Ich bin kein Kätzchen mehr! Ich bin viel älter als ich aussehe und im Kopf viel weiter als die meisten anderen hier.“ Minka fauchte wütend zurück. Dschingis konnte sich ein leises kichern nicht vergleichen. Als Minka wütend zu ihm rüber sah, zuckte er gleichgültig mit den Schultern und schnurrte: „Wo sie recht hat…“

„Cassandra, geh besser wieder zurück zu Maja…“ begann Max mit versöhnlicher Stimme. Doch das schien die kleine Katze noch mehr auf die Palme zu bringen.

„Ich bin kein kleines Kätzchen mehr“ schnauzte sie jetzt ihn an. „Ich bin alt genug. Ich will kämpfen. Ich brauche nicht ständig meine Mutti, die hinter mir herrennt wie hinter Mimi oder Lilli. Abgesehen davon, ist sie ja nicht einmal meine echte Mutter.“ Nach diesem Wutausbruch schien sie sich endlich zu beruhigen. Mit hängendem Schwanz sagte sie dann. „Ich will auch kämpfen wie ihr. Lasst mich mit trainieren!“

„Ausdauer hast Du“ begann Dschingis. „Das muss man dir lassen. Aber für dieses Training bis Du doch noch etwas zu klein. Obwohl du tatsächlich mehr kannst als die meisten anderen in deinem Alter. Wer hat dir das beigebracht?“

„Ich habe in den letzten Nächten mit Brutus trainiert!“ Erwiderte Cassandra und reckte stolz das Kinn.

„Klar“ grinste Max. „Er hatte schon immer eine Schwäche für das kleine Schwarze…“

Minka verpasste ihn einen kleinen Seitenhieb, aber ihre Augen funkelten Vergnügt.

„Und warum willst Du ihn nun plötzlich hintergehen und mit uns trainieren?“ Bohrte Dschingis weiter. Cassandra riss die grünen Augen weit auf.

„Ich hintergehe ihn nicht! Ich…“ Sie senkte etwas den Kopf. „Das würde ich nie tun. Er lehrt mich viel, aber bisher trainieren wir nur nachts an der alten Villa. Auch immer nur wenige Stunden.“ Sie blickte Dschingis wieder fest in die Augen.

„Aber ich will mehr tun. Ich kann spüren, dass eine Gefahr auf uns zu kommt. Und ich will dagegen gewappnet sein. Ich will kämpfen, wenn es so weit ist und meine Schwester verteidigen können!“ Dschingis nickte langsam.

„Das ist ein nobles Ziel. Aber mein Training zielt darauf ab Max und Minka reif für die große Stadt zu machen. Es ist nicht gut, wenn Du dich jetzt schon einem zu harten Training unterziehst. Du musst langsam anfangen. Brutus ist ein guter Lehrmeister. Wenn er nur wenige Stunden mit Dir trainiert, hat das bestimmt seinen Grund. Vielleicht solltest Du dich an ihn wenden, wenn Du mehr möchtest.“ „Aber…“ begehrte Cassandra auf, doch Dschingis schnitt ihr das Wort ab.

„Dieses Training ist nichts für dich!“ Polterte er, dass die kleine Cassandra zusammenzuckte.

„Du bist zu jung und zu unerfahren. Halte dich an Brutus, wenn Du kämpfen lernen willst! Ich habe schon zwei Schüler und will mir nicht noch einen ans Bein binden!“ Eingeschüchtert hatte Cassandra den Kopf eingezogen. Jetzt senkte sie traurig den Blick auf ihre Pfoten.

„Du solltest jetzt gehen“ fuhr Dschingis etwas sanfter fort. Max bemühte sich, etwas die Anspannung aus der Situation zu nehmen.

„Hey Cassandra!“ Rief er. „Ich zeig dir bei Gelegenheit gerne ein paar Tricks.“ Cassandras Blick hellte sich ein wenig auf. Jetzt trat Minka versöhnlich an die kleine Katze heran. „Woher hast Du gewusst wo wir waren?“

„Ich folge euch schon eine Weile“ gab Cassandra leise zu. Max und Minka wechselten überraschte Blicke.

„Das haben wir gar nicht gemerkt“ wunderte sich Minka. „Wenn ich nicht gefunden werden will, dann findet mich auch niemand“ grinste Cassandra.

„Oh, ein echtes Talent“ schnurrte Max.

„Klasse“ pflichtete Minka bei. „Aber wir müssen jetzt wirklich noch ein wenig weiter trainieren, also…“ Cassandra verstand. Aber es ging ihr schon deutlich besser. Mit einem kurzen Gruß an Dschingis, verschwand sie wieder durch die Hecke. Dieser seufzte tief, als sie weg war. „Musstest Du so streng mit ihr sein?“ Fragte Minka ihren Mentor zaghaft.

„Du hast doch gesehen wie starrköpfig und aufmüpfig sie ist. Euer Training geht vor. Ich kann mich jetzt nicht auch noch um sie kümmern…“ Das verstanden Max und Minka. Doch insgeheim beschlossen sie, die Kleine bei nächster Gelegenheit zu besuchen und aufzumuntern. Auch, wenn das Maja nicht gefallen würde.

„Sagt mal“ begann Dschingis nachdenklich. „Wer ist denn ihre Mutter?“

 

… weiter mit Kapitel 11

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