19. Kapitel – Vorstadtkatzen

Max und Charlie standen auf den Hinterbeinen und hatten die Vorderbeine mit denen des jeweils anderen verhakt. Da keiner von beiden nachgeben oder so schnell das Gleichgewicht verlieren würde, holte der rot getigerte Kater blitzschnell mit seiner Pranke aus und zog sie Max über die Schnauze. Der zuckte kurz zusammen, ansonsten aber schien ihm das nichts auszumachen. Das Training mit Dschingis und die Zeit in der Stadt mussten ihn tatsächlich abgehärtet haben. Als er plötzlich sein ganzes Gewicht auf die Vorderpfoten legte, verlor Charlie das Gleichgewicht und fiel um. Dabei krallte er sich jedoch an Max Schultern fest, sodass der beinah mit umgefallen wäre. Als er auf dem Boden lag zog er sofort die Hinterläufe eng an den Bauch. Max hatte eigentlich nicht vor es seinem Trainingspartner so leicht zu machen und eine Angriffsfläche zu bieten, indem er direkt über ihm stand. Allerdings hatte sich Charlie derart gut in ihm festgekrallt, dass er jetzt doch dicht über ihm stand. Der ältere Kater hielt ihn fest, während er mit den Hinterläufen versuchte nach ihm auszutreten. Bei dem Versuch den Tritten auszuweichen, verlor auch Max das Gleichgewicht und landete schließlich auf Charlie, der seine Gelegenheit zu nutzen verstand. Fauchend und knurrend wanden sie sich im Gras, im Garten der alten Villa. Dieser war in der Nacht erfüllt mit dem knurren und fauchen der Vorstadtkatzen, die sich voll auf ihr Training konzentrierten. Max Gefährtin Minka lieferte sich bereits einen heftigen Schlagabtausch mit Cloud. Leeja und Luna jagten sich durch den Garten, kletterten auf Bäume und Felsen, nur um sich bei nächster Gelegenheit auf den anderen zu stürzen. Beide hatten eine Vorliebe für das Klettern. Leejas Angriffe kamen schnell und unerwartet, sahen fast schon akrobatisch aus, wenn sie haken schlug oder sich von den Bäumen auf ihre Gegnerin warf. Diese war jedoch extrem aufmerksam, sah die meisten Attacken voraus und konnte nahezu jedem Angriff geschickt ausweichen. Dafür waren ihre eigenen Angriffe nicht stark genug, um Leeja aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zwischendurch legten sie eine Pause ein und gaben einander Tipps, wie sie das ein oder andere besser machen konnte. Doch nicht bei allen Paarungen lief die Zusammenarbeit derart Reibungslos. Jungkater Otis hatte so seine Schwierigkeiten damit, Maja anzugreifen. Sie war älter als er und passte immer auf die Jungen auf. Die Katze mit dem weiß braunen Fell merkte schnell, dass ihr Gegenpart nicht mit ganzer Kraft kämpfte und das machte sie wütend. „Was ist los mit dir? Hältst Du mich für so schwach, dass Du glaubst du kommst hier mit halber Kraft weiter?“ fauchte sie ihn an. „Nein Ma’am“ miaute Otis schnell und bekam sofort eine Pranke zu spüren. „Nenn‘ mich nie wieder Ma’am“ zischte sie aufgebracht. „Und wehr‘ dich gefälligst!“ „Ja Ma… ich meine Maja“ stammelte Otis und wich ihrem nächsten Schlag auf. „Heiliger Bimbam.“ Maja seufzte schließlich und setzte sich. „Otis, wie soll ich denn stärker werden, wenn Du nicht ernsthaft kämpfst?“ „Ich weiß aber… ich kenn Dich schon seit ich ein Kitten war, und…“ „Ich weiß, ich weiß“ unterbrach sie ihn. „Aber genau deshalb sollte es in Deinem Interesse liegen, mich stärker zu machen. Außerdem bin ich nicht so wehrlos wie Du glaubst. Du bist vielleicht jünger und hast mehr Energie. Ich habe aber die Erfahrung.“ Leise knurrend stand sie auf und ging in Lauerstellung. „Wirst Du nun vernünftig mit mir trainieren?“ Otis wollte grade antworten, da sprang sie auch schon auf ihn zu. Otis wich aus, doch sie erwischte seinen Schwanz und biss hinein. Laut Fauchend drehte Otis sich um und schlug nach ihr, doch Maja war längst nicht mehr hinter ihm. Sie hatte ihn umrundet und griff nun von der anderen Seite her an. Nun blieb keine Zeit zum Ausweichen, und der Schmerz im Schwanz machte ihn zornig. Als sie ihn wieder angriff ließ er sich von ihr attackieren, stellte sich dann aber sofort selbst auf die Hinterbeine, warf Maja um, und nagelte sie mit den Krallen an der Schulter fest. Da trat sie mit ihren Beinen nach ihm, sodass er gezwungen war sie loszulassen und zur Seite zu springen, um nicht schmerzhaft in den Bauch getroffen zu werden. Schnell war auch Maja wieder auf den Beinen und hechtete aus dem Stand auf Otis zu. Jedes Mal, wenn er ihr auswich und der Angriff ins leere ging, warf sie sich so schnell zu ihm herum und startete den nächsten Angriff, dass er kaum noch Zeit für einen Gegenangriff hatte. Nach einer Zeit blieben beide schwer atmend stehen. Der brennende Schmerz in seinem Schwanz war einem heißen pochen gewichen. „Siehst du?“ keuchte Maja. „Ich gehöre noch lange nicht vor den Kamin!“ „Dafür bist Du aber ganz schön außer Atem“ schnaubte Otis. „Daran muss ich wohl noch arbeiten, oder nicht?“ Zustimmend erwiderte er ihr Schnurren. Offensichtlich hatte er sie unterschätzt. Das durfte ihm nicht wieder passieren. Sein Schwanz würde diese Lektion jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Auch ein anderes Pärchen, musste sich erst zusammenraufen. Cassandra folgte Filou zu einem Erdhügel im Garten. Rund herum befand sich hohes Gras und hoch gewachsenen Unkraut. Er setzte sich an dessen höchstem Punkt, schaute zu der kleinen schwarzen Katze herunter und miaute: „Also, ich schlage vor Du versuchst mal mich anzugreifen. Keine Sorge, ich werde hier sitzen und versuchen Dir auszuweichen. Ich werde Dich auch nicht zu hart rannehmen – versprochen.“ In Cassandra begann es wütend zu brodeln.  „Hältst Du mich für ein Kitten? Ich bin mindestens genau so stark wie Du. Unterschätz mich besser nicht!“ Seine Augen funkelten belustigt, als er schnurrte: „Na dann dürftest Du mit dieser Art von Übung ja kein Problem haben oder?“ Cassandra schnaufte. Na gut, dann würde sie ihm eben zeigen, was in ihr steckte. Sie wich ein paar Schritte zurück und verschwand im hohen Gras. „Pfft… Ist das der Versuch dich zu verstecken? Das Rascheln des Grases wird dich verraten“ höhnte er von seinem erhöhten Sitz aus. Er hatte sie die ganze Zeit im Auge, also nicht sie selbst, denn dazu war sie als dunkle Katze bei Nacht im hohen Gras zu gut getarnt. Doch das Rascheln der Grashalme verriet ihm immer, wo sie grade war. Das würde nie was, dachte er bei sich. Plötzlich hörte er ein leises Fauchen von der Seite. Er sah grade noch Cassandras große, grüne Augen, als sich ihre Krallen auch schon in seine Schulter bohrten und ihr ganzes Gewicht gegen ihn prallte. Er verlor das Gleichgewicht, und um nicht ganz vom Hügel hinunter zu Kuller, drehte er seinen Oberkörper in Ihre Richtung, stellte sich auf die Hinterbeine und griff sie seinerseits an. Er konnte doch wohl nicht gegen so ein Kitten verlieren? Bald schon musste er feststelle, dass er ihr zwar kräftemäßig überlegen war. Doch sie war geschickt, schnell und schlau. Aber das würde er ihr gegenüber niemals eingestehen. „Und? Bin ich nun gut genug um ein ebenbürtiger Trainingspartner zu sein?“ Keuchte sie, als sie schwer atmend vor ihm stand. „Da muss schon ein wenig mehr kommen, ehe Du mich beeindrucken kannst“ fauchte er und setzte zum erneuten Angriff an. Verbissen kämpften sich die beiden vom Hügel herunter und machten auch vor dem hohen Gras nicht halt. Der metallische Geruch von Blut stach ihnen in die Nase, doch verbissen machten sie weiter, unfähig, den jeweils anderen für seine Stärke anzuerkennen.

„Hey ihr beiden! Jetzt reicht es aber!“ Ami, die in der Nähe mit Findus trainiert hatte, mischte sich nun energisch miauend ein. Findus stürzte sich auf den aufgebrachten Filou und hielt ihn am Boden, während Ami streng schauend Cassandra den Weg versperrte. „Was ist hier los?“ Bellte Brutus, der sein Training mit Theos ebenfalls unterbrach und kam energisch auf sie zu. Schon von weitem hatte er das frische Blut riechen können. Jetzt begutachtete er den Schaden, eher er beiden einen Finsteren Blick zu warf. „Hatten wir nicht ausgemacht darauf zu achten, dass hier keiner ernsthaft verletzt wird? Was bringt uns ein Training, wenn ihr danach derart verletzt seid, dass wir Euch im Kampf nicht gebrauchen können?“ „Sie ist doch wie eine Verrückte auf mich los!“ Beschwerte sich der grau weiße Jungkater nun. „Als ob Du nicht geradezu darum gebettelt hättest“ fauchte Cassandra wütend, doch Ami brachte sie mit einem strengen Blick zum Schweigen. „Vielleicht sollten wir diese Paarung nochmal überdenken“ schlug Theos vor. „Ich würde sowieso viel lieber mit jemand anderem Trainieren.“ Cassandra reckte entschlossen das Kinn. „So? Und mit wem?“ „Ich übernehme ihr Training.“ Alle drehten sich nun zu Dschingis um, der mit Mikesh angeschlichen kam. Auch die übrigen Katzen hatten ihr Training unterbrochen und verfolgten interessiert das Geschehen. „Ich weiß ja nicht“ murmelte Brutus skeptisch. Es gefiel ihm nicht, dass Dschingis, den er persönlich als seinen stärksten Konkurrenten ansah, mit ihr trainieren wollte. Er hoffte Mikesh oder Ami würden einschreiten, aber sie warfen einander nur vielsagende Blicke zu. „Mikesh, wirst Du das erlauben?“ wandte er sich an seinen besten Freund. „Ich glaube, das müssen die beiden unter sich ausmachen.“ „Bitte lasst mich mit Dschingis trainieren!“ Cassandra war plötzlich Feuer und Flamme, was Brutus nur noch misstrauischer machte. „War ich dir als Trainer etwa nicht gut genug?“ Fauchte er leise. „Du warst der Beste“ beeilte Cassandra sich zu sagen. „Aber…“ „Was aber?“ Brutus wurde ungeduldig, und der Blick, den er ihr zuwarf, war eiskalt. Normalerweise hatte er immer ein warmes funkeln in den Augen, wenn er zu ihr sah. Sie würde ihm so gern alles erzählen, was sie mit Dschingis verband. Doch sie fürchtete sich, wie der wilde Straßenkater darauf reagieren würde. Doch als dieser seine Meinung endlich kundtat, war nicht nur Cassandra sehr überrascht. „Wir werden uns vor Dir nicht rechtfertigen, Brutus. Das ist eine Angelegenheit zwischen Vater und Tochter.“ Plötzlich war es ganz still auf dem Gelände. Man hörte nur das Zirpen der Grillen im Gras. Dann wandte er sich wieder der kleinen schwarzen Katze zu. „Komm jetzt, Kleine. Du hast ein hartes Training vor Dir.“

Als die beiden im hohen Gras verschwanden, räusperte sich Mikesh und unterbrach die bedrückende Stille. „Nun gut. Filou, Du wirst dann mit Theos weiter trainieren. Brutus wird Dschingis Platz neben mir einnehmen. Ihr anderen: geht wieder zurück zu Eurem Training! Hier gibt es nichts mehr zu sehen.“

Unter leisem Getuschel trollten sich die Katzen wieder auseinander und setzten ihr Training fort. „Mikesh“ raunte Brutus seinem Freund zu. „Stimmt das? Ist er wirklich ihr Vater?“ Der getigerte Kater nickte. „Unglaublich.“ „Glaube es nur. Wir wussten alle, dass sie nicht Majas echte Tochter war. Aber ich denke, dass ausgerechnet Dschingis ihr Vater ist, das ist glaube ich ein Wink des Schicksals.“ „Du klinkst schon wie Leo und Luna?“ „Tja, vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch sentimental“ lachte Mikesh. Gemeinsam setzten sie die Runde um die Villa fort.

 

***

 

Gaaja stand im Vorgarten der alten Villa, stemmte die Hinterläufe fest in den Boden und stieß sich dann mit voller Kraft ab. Mit ausgestreckten Vorderbeinen flog sie auf Buster zu, der ihren Angriff abwartete. Sie traf ihn, doch der Sprung hatte, ehe sie ihn erreichte, bereits an Kraft verloren. Er schwankte leicht, stemmte seine Hinterläufe in den Boden und blieb ansonsten aufrecht stehen. „Zu schwach“ raunte er ihr zu, als ihr Gesicht nach dem Sprung direkt vor dem seinem war. Sie rappelte sich wieder auf. „Nun gut, großer Meister. Sag mir, was ich besser machen soll.“ „Also, die Kraft, die in deinen, wirklich prachtvollen, Hinterläufen steckt, ist zwar enorm, aber du verlierst sie zu schnell. Du machst dich zu schnell lang im Sprung. Behalte deine Vorderläufe eng unter deinen Brustkorb und vertraue deinen Hinterläufen, dass sie dich von allein zum Ziel katapultieren. Erst kurz vor der Landung, fährst Du deine Vorderbeine aus. Auch die haben Kraft, wenn du sie richtig einsetzt. Mit der richtigen Geschwindigkeit gibt, dass deinem Angriff den letzten Schliff und du haust deinen Gegner mit Leichtigkeit um. Probieren wir es gleich nochmal!“

Wieder und wieder griff sie ihn an. Von unterschiedlichen Seiten, mit unterschiedlichen Techniken. Buster war ein geduldigerer Lehrer, als sie für möglich gehalten hätte. Seine Tipps waren nicht immer ganz sachlich. Häufig hatte er eine kleine Spitze oder ein verstecktes Kompliment eingebaut. Aber wenn man darüber hinwegsah, machte alles, was er sagte, durchaus Sinn.

Als sie sich grade für einen erneuten Angriff bereitmachte, sprang Buster plötzlich unerwartet auf sie zu. Zunächst dachte sie, an eine andere Trainingsmethode, doch sie erkannte schnell die Anspannung in seinem Gesicht, als er sie auch schon von den Füßen riss. Sie überschlugen sich ein paar Mal und blieben dann im Gras liegen. Sie lag auf den Rücken, Buster beugte beschützend seinen Oberkörper über sie und hatte seinen entschlossenen Blick auf etwas hinter ihr gerichtet. Sie wandte den Kopf und erkannte einen großen Dachziegel, der genau an dem Punkt lag, an dem sie kurz zuvor noch gestanden hatte.

„Tschuldigung“ hörte sie Clouds Stimme der vom Dach der Villa zu ihnen runter sah. Minka stand neben ihm. „Ist Euch was passiert?“ Rief sie ihren Freunden zu. „Hey! Nehmt ihr jetzt die ganze Villa auseinander?“ Felix und Leo hatten ihre Köpfe zum Fenster der Villa hinausgestreckt und riefen zu den beiden Jungkatzen hinauf. „Äh, das war ein Versehen…“ stammelte Cloud. „Wir arbeiten grade an seiner Geschicklichkeit“ miaute Minka entschuldigend. „Da liegt offenbar noch eine Menge Arbeit vor ihr“ knurrte Buster, der Gaaja immer noch mit seinem Oberkörper bedeckte. „Ähm, Du kannst, glaube ich, jetzt von mir unter gehen“ murmelte sie leise. Einen Moment sah Buster in ihre Augen und nur langsam schien er zu begreifen, was sie meinte. Denn mit einem Mal wurden seine Augen groß und er beeilte sich, sich aufzurichten. „Oh, äh, natürlich…“ murmelte er. „Wie es aussieht, hast Du mich schon wieder gerettet.“ Miaute Gaaja, als sie sich den großen Dachziegel besah. „Tja, man kann Dich eben keine Sekunde aus den Augen lassen“ feixte Buster.

„So, dann lass uns mal weiter trainieren, und ich werde Dir zeigen, dass man mich besser nicht unterschätzen sollte“ erwiderte Gaaja belustigt.

 

***

 

Mikesh schlenderte zur Katzentür des Hauses heraus, dass er mit seinen menschlichen Mitbewohnern bewohnte, suchte seinen gewohnten Platz im Vorgarten auf und streckte sich träge in der Mittagssonne aus. Von seinem Platz aus konnte er alles sehen, was auf den Straßen vor sich ging. Die Straße mündete in einer Sackgasse und sein Haus war das letzte am Straßenende. Sein Freund Brutus wohnte im Haus nebenan. Doch er hatte den ganzen Tag noch nichts von ihm gehört oder gesehen, deshalb ging er davon aus, dass der schwarzweiße Kater noch im Haus lag und schlief. Das sollte er eigentlich auch tun. Die letzten Nächte waren mal wieder extrem anstrengend gewesen. Seit einigen Tagen trainierten sie jetzt schon in Zweierteams. Zwischendurch hatte er die Teams ein wenig umgestellt. Man kennt seinen Gegner irgendwann und es war wichtig zu lernen, sich auf andere Gegner und neue Gefahren einzustellen. Einige Paarungen waren jedoch gleichgeblieben. Buster trainierte immer noch Gaaja und Cassandra befand sich unter Dschingis Fittichen. Er hatte die beiden eine Weile nicht gesehen, doch er machte sich keine Sorgen. Er wusste, dass Dschingis gut auf seine Tochter achtgeben würde. Maja fragte ihn jeden Abend, ob er etwas Neues gehört hatte. Er musste sie immer vertrösten. Es schien ihr schwer zu fallen, die junge schwarze Katze los zu lassen. Aber es würde ihr nichts Anderes übrigbleiben. Dschingis war ihr leiblicher Vater und es war nur natürlich, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Außerdem hatte Dschingis schon aus ganz anderen Katzen gute Kämpfer gemacht. Maja machte sich aber nicht als einzige Sorgen. Brutus sprach zwar nicht viel darüber, aber Mikesh wusste auch so, dass es ihm nicht gefiel, dass sie so viel Zeit mit ihrem Vater verbrachte. Der Grund hier war aber weniger die Sorge, dass ihr etwas zustoßen konnte. Auch Brutus war überzeugt davon, dass Dschingis das auf keinen Fall zulassen würde. Sein Motiv war eher so alt, wie das Leben selbst: Eifersucht. Auch wenn er es nicht offen zugab, er hatte die kleine Katze in sein Herz geschlossen.

Als er ihn in vorletzte Nacht darauf ansprach, hatte er ziemlich aufgebracht reagiert. Er redete eben nicht gern über Gefühle. Und normalerweise respektierte Mikesh das. Aber wenn er ihn mit einer kleinen Andeutung aus der Reserve locken und dafür sorgen konnte, dass Brutus ihn mit ganzer Kraft angriff, sollte es ihm recht sein. Sie hatten mittlerweile auch wieder mit ihrem eigenen Training begonnen. Attackierten sich hart und versuchten sich gegenseitig abzuhärten. Für andere Katzen mag ihr Training extrem gefährlich ausgesehen haben. Aber die beiden Kater kannten sich zu lange, als dass sie einander ernsthaft Schaden zufügen würden. Sie wussten genau, wie weit sie beim jeweils anderen gehen konnten.

Aber auch die anderen Katzen machten enorme Fortschritte. Das Gaaja so offen vor allen gesprochen hatte, schien sie nachdenklich zu stimmen, aber auch wütend. Sie nahmen den Kampf jetzt noch persönlicher als zuvor. Niemand nahm es Gaaja übel, dass sie geschwiegen und so viel vor den anderen verborgen hatte. Niemand, außer Gaaja selbst. Es war gut, dass Buster jetzt so viel Zeit mit ihr verbrachte. Wenn ihr jemand den Kopf waschen konnte, dann er.

Auch auf Jeronimus hatte das ganze Ausmaß von Gaajas und Leejas Geschichte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mikesh hatte ihm direkt am Tag nach ihrer Enthüllung einen Besuch abgestattet und ihm alles berichtet. Der sonst so ruhige und ausgeglichene Kater konnte sich nur mit Mühe beherrschen und sogar Bella musste beruhigend auf ihn einreden und ihm die eigenen Weisheiten wieder in den Sinn rufen. So etwas ließ aber auch keine Katze kalt.

Plötzlich bemerkte er in der Ferne eine Katze, die auf sein Haus zusteuerte. Als er näherkam erkannte er Findus, der etwas im Maul trug. Bei ihm angekommen ließ er einen Stofffetzen vor Mikeshs Pfoten fallen und holte erstmal tief und schnaufend Luft. „Ich bin … so schnell gerannt wie ich konnte… aber das hier… das haben wir… ich…“ „Beruhige dich erstmal Findus“ schnurrte Mikesh und bedeutete ihm, sich zu setzen.  Dann begutachtete er den roten Stück Stoff, der jetzt vor seinen Füßen lag. Er war hart und verkrustet. Mikesh beschnüffelte es sorgfältig, und was er roch, gefiel ihm gar nicht. Mit Erschrecken erkannte er, dass der Stoff nicht etwa rot eingefärbt war. Der Stoff war von Blut durchtränkt. Was ihm auch die rote Farbe gab. Mikesh zwang sich weiter zu schnüffeln, um mehr Informationen zu erhalten. Was für ein Blut war es? Es roch nicht nach Mensch, aber Maus und Vogel schloss er auch aus. Der Metallene Geruch des Blutes sorgte in seinem Inneren für Übelkeit. Doch unter den verschiedenen Gerüchen, das Metall des Blutes, der ursprüngliche Geruch des Stoffes, der Gestank der Großstadt, der diesem Stoff ebenfalls anhaftete, bemerkte er schwach einen weiteren Geruch. Es roch nach Katze. Das schien das Blut einer Großstadtkatze zu sein. Das war nicht gut. „Wo hast Du dieses Stück Stoff gefunden?“ Fragte Mikesh jetzt Findus, der mit vor Schreck geweiteten Augen den größeren Kater beobachtete. Er hatte sich mittlerweile von seinem schnellen Lauf erholt und sein aufgeplustertes Fell legte sich langsam wieder an. „Außerhalb der Stadt. In der Nähe der großen Eiche. Ich trainiere doch neuerdings mit Otis. Und wir haben uns gedacht, wir legen heute noch ein paar Übungen ein. Deswegen haben wir uns an den Stadtrand gestellt und bei der großen Eiche geübt. Du weißt schon, Klettern, abspringen, angreifen. Plötzlich kamen zwei Katzen auf uns zu. Fremde Katzen. Sie legten dieses Stück Stoff in einigem Abstand von uns hin und sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Ohne ein Wort. Ich bin sofort zu Dir gerannt, um Dir das zu bringen.“ „Das hast Du gut gemacht. Und was ist mit Otis?“ „Er wollte dort bleiben um zu beobachten, ob sich noch weitere Katzen aus der Großstadt in unsere Nähe wagen. Er wollte in der Lage sein sofort Bescheid zu geben. Was… was bedeutet das, Mike?“ Der getigerte Kater seufzte. „Eine Warnung. Los. Hilf mir allen Vorstadtkatzen eine Nachricht zu überbringen. Sie sollen sich bereithalten. Wir werden ab jetzt Tag und Nacht in zweier Teams am Rande unseres Territoriums Wache halten. Uns darf nicht entgehen, wenn sich etwas aus der Großstadt auf uns zu bewegt. Brutus, Jeronimus und Bella werde ich selbst informieren. Danach leistest Du Otis Gesellschaft. Wer wann und in welchem Team die Grenze bewacht klären wir heute Nacht.“ Sofort machte sich Findus auf den Weg, als Mikesh ein leises Rascheln zu seiner Rechten vernahm. Ein ziemlich müder Brutus schälte sich durch das schmale Loch in der Hecke, die Mikesh’s Haus umgab, und gesellte sich langsam und gähnend zu seinem Freund. „Na? Auch schon wach, Dornrösschen?“ Mikesh schnurrte belustigt. „Mancher braucht eben seinen Schönheitsschlaf.“ „Und bei Manchem genügt der eben nicht mehr“ lachte Mikesh. Brutus war ihm einen gespielt zornigen Blick zu, ehe er den Stofffetzen zu Mikeshs Füßen bemerkte und besorgt das Gesicht verzog. „Was ist das?“ Vorsichtig schnüffelte er daran, fuhr dann aber erschrocken zurück, als ob er sich daran verbrannt hätte. „Blut!“ rief er überrascht aus. Mikesh nickte mit ernster Miene. „Und nicht irgendeins. Blut von einer Großstadtkatze, von Straßenkatzen zu unserer Grenze gebracht. Ich habe schon alles Nötige veranlasst. Wir werden ab sofort am Rande unseres Territoriums in zweier Teams Wache schieben. Tja, mein alter Freund. Ich schätze hier ist es mit der Gemütlichkeit bald vorbei!“

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