21. Kapitel – Vorstadtkatzen

Der volle Mond am Himmel wurde beinahe völlig von den dunklen, regenschweren Wolken verschluckt. Die schwüle Luft, die am Tage das Klima bestimmt hatte, hatte dieses Gewitter bereits angekündigt. Der erste Blitz zuckte in der Ferne. Ihm folgte, nach einigen Sekunden, ein tiefes Grollen. Das Gewitter rollte langsam auf das Tal zwischen Vorstadt und Großstadt zu. Die wild zuckenden Blitze erhellten die kämpfenden Katzen und der Donner übertönte fast ihr wildes Fauchen und Miauen. Mikesh und Ceasar standen sich auf der Straße noch immer gegenüber und tauschten Drohgebärden aus. Langsam begannen sie, sich zu umkreisen und den anderen zum ersten Schlag zu provozieren.

Buster war in einen Kampf mit Achilles verstrickt. Die beiden gingen gleich voll aufs Ganze und schenkten sich nichts. Wieder und wieder zielte der große schwarze Kater mit ausgefahrenen Krallen auf leicht zu verletzende Stellen, wie Bauch, Brust und Gesicht. Seine Kiefer schnappten nach seinem Nacken oder seinem Hals. Doch Buster war zu erfahren, um sich so einfach treffen zu lassen. Außerdem hatte er einige gute Erkenntnisse aus ihrer letzten Konfrontation gewonnen, die er nun einzusetzen gedachte. Doch auch Achilles hatte einiges dazu gelernt, wie er grimmig feststellte, als er erneut einem Angriff auswich. „Feigling“ schnaufte Achilles. „Ist ausweichen alles was Du kannst? Du bist eben doch nur ein Hauskätzchen!“

„Das Hauskätzchen wird dir gleich zeigen, wie ein Erwachsener kämpft, Bürschchen.“

Achilles hatte vorgehabt ihn zu provozieren, fühlte sich jetzt aber selbst provoziert. Einmal mehr, war ihm seine verflixte Eitelkeit im Weg! Das hätte genauso gut auf Buster zutreffen können. Doch seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, sich in einem Kampf nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Dies musste sein Gegenüber wohl noch lernen, stellte er mit Genugtuung fest, als dieser seinen nächsten, ungestümen Angriff startete – und ins Leere sprang.

An ihnen vorbei kullerten Spike und Dschingis, die sich in einander verbissen hatten. Lucy stürzte hinterher um sich ebenfalls auf den Straßenkater zu stürzen. Grade als er Spike unter sich begraben hatte, sprang sie auf seinen Rücken und vergrub die messerscharfen Krallen in seine Schultern. Dschingis schrie auf, als sie sich durch seine Haut bohrte, und der Druck auf Spike lies nach, sodass sich der schwarze Kater unter dem Rivalen hervorwinden konnte. Grade, als sie ihn in den Nacken beißen und ihn damit festsetzen wollte, wurde sie von Jemanden in der Seite getroffen.

Durch die Wucht des Aufpralls verlor sie den Halt, rutschte von ihm ab und kam erst einige Meter neben ihm zum Liegen. Während Dschingis sich wieder auf Spike konzentrierte, rappelte Lucy sich auf um zu sehen, wer sie getroffen hatte. Ihr gegenüber schüttelte sich eine weiße Katze mit beigeschwarzen Streifen den Schmutz aus den Fell, ehe sie ihr fest in die Augen blickte.

„Ich bin dein Gegner.“ Sagte Maja bestimmt. Lucy fauchte und zeigte ihre Zähne, ehe sie sich auf die unerwartete Gegnerin stürzte. Aus den Augenwinkeln nahm Maja war, dass ein schwarzer Schatten an ihnen vorbei huschte. Max und Minka hatten die Verfolgung aufgenommen, als Gus Richtung Vorstadt preschte. Als sie ihn endlich eingeholt und mittels Bodycheck zu Fall gebracht hatten, mischte sich eine weitere Katze ins Geschehen ein und stellte sich neben den alten Kater. Die getigerte Katze sah die beiden Gegner aus zusammengekniffenen, gelben Augen an. Dann stürzte sie sich mit einem wütenden Fauchen auf Minka. Diese parierte den Angriff gekonnt, indem sie sich auf den Rücken fallen ließ und der Gegnerin, die die Richtung ihres Angriffs nicht mehr steuern konnte, mit ganzer Kraft die Hinterläufe in den Magen hub. Ihrer Angreiferin blieb kurze Zeit die Luft weg. Zeit, die Minka nutze, sich auf sie zu stürzen und sie am Boden fest zu halten. Kurz blickte Minka sich um und sah, wie Max mit Gus kämpfte. Max war dem schwarzbraunen Kater körperlich weit überlegen, was vielleicht auch an seinem noch jugendlichem Alter und Temperament lag.

Ein mittelgroßer Kater mit halblangem, braunbeigem Fell kam hinzu, stieß Max von Gus herunter und baute sich vor ihm auf. „Rina“ zischte er in die Richtung der Katze, die sich unter Minkas Pfoten wandte.

„Ist das etwa alles, was du in deiner Ausbildung gelernt hast? Du solltest Ceasar besser nicht enttäuschen.“ Sie erstarrte unter Minkas Pfoten, diese konnte förmlich fühlen, wie es der Gegnerin kalt den Rücken herunterlief. Mit einer Kraft, die sie ihr gar nicht mehr zugetraut hätte, bäumte Rina sich auf und schüttelte Minka ab.

„Gus“ wendete sich der Kater jetzt an den Älteren. „Tu wozu du gekommen bist.“

„Habe nichts Anderes vor, Smokey.“ Erwiderte Gus und setze, sichtlich von seinem Kampf mit Max geschwächt, den Weg zur Vorstadt fort. Max stürzte sich auf Smokey, doch dieser schien deutlich besser trainiert als Gus. Schnell stellte er fest, dass dieser Kampf doch ein wenig länger dauern würde. Er hoffte nur, dass Gaaja und Leeja mit dem gerissenen Gus klarkamen.

 

Währenddessen ging es beim Doppelfelsen drunter und drüber. Ceasar und Mikesh hatten sich bereits die ein oder anderen Wunden im Gesicht und an den Schultern zugefügt. Auch die anderen Katzen, die beim Doppelfelsen postiert waren, hatten sich in den Kampf gestürzt. Während Mikesh damit beschäftigt war die Angriffe seines Gegners abzuwehren, überlegte er fieberhaft, wie er Brutus ein Signal zum Angriff geben könnte. Da kam ihm eine Idee. Er drehte sich blitzschnell um und sprang auf den Doppelfelsen. Ceasar kam ihm nach.

„Willst du etwa weglaufen, du Feigling?“ Fragte er höhnisch. Doch Mikesh stellte sich fauchend auf seine Hinterläufe und schlug mit den Tatzen nach seinem Feind. Der stellte sich ebenfalls auf die Hinterläufe und ein weiterer Blitz, der über den Himmel zuckte, tauchte das Kampfgebiet in ein unheimliches Licht.

Brutus sprang von seinem Baum herunter. Er merkte kaum, wie die Kälte unter sein Fell kroch, oder selbiges durch den Schlamm, mit dem er sich bedeckt hatte, verklumpte.

In ihm brannte ein Feuer. Adrenalin schoss durch seinen Körper und endlich sah er Mikesh auf dem Doppelfelsen mit Ceasar kämpfen. Ein helles Licht zuckte um sie herum. In dem Moment fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Brutus wusste, dass dies ein Zeichen sein musste und bellte seinen Katern, die ihn begleiteten, einen kurzen Befehl zu. Sie sprangen von den Bäumen, überwanden kurzerhand den Graben, der die Straße und die Wiese voneinander trennte und rannten von hinten in die Meute hinein. Die letzten Katzen dort, waren keine Gegner für sie. Einfache Straßenkatzen, die mit Sicherheit nur hinzugezogen worden waren, um allein durch ihre Anzahl die Gegner abzulenken oder einzuschüchtern.

Auch wenn die Straßenkatzen bestimmt mehr Kampferfahrung hatten als seine jungen Mitstreiter, schlugen diese sich hervorragend. Das Training hatte offensichtlich einiges bewirkt. Die Brüder Filou und Cloud kämpften Seite an Seite. Eine Straßenkatze nach der anderen überrannten sie. Sie hatten einige neue Tricks gelernt. Dadurch, dass sie mit Schlamm bedeckt waren und aufgrund ihrer Verwandtschaft exakt den selben Körperbau besaßen, waren sie für Außenstehende kaum auseinander zu halten. Cloud lief voran. Filou folgte ihm dicht, sodass seine Nase nah an Clouds Hinterteil heranreichte. Die Straßenkatzen sahen nur einen Kater kommen, doch kurz bevor der Angriff erfolgte, bückte sich Cloud, Filou sprang hoch, benutzte den Rücken seines Bruders um noch ein wenig mehr Auftrieb zu erhalten, und stürzte sich so von oben auf die überraschten Gegner. Cloud nahm sich derweil einen weiteren Gegner vor, der von Filous Sprung abgelenkt und daher nicht vorbereitet war.

So kämpften sie sich langsam und mühselig durch die Katzenschaar. Mikeshs Plan schien zu funktionieren, dachte Brutus mit Genugtuung und schielte von Cloud und Filou hinüber zu Theos und Otis. Keine der Straßenkatzen schien auf ihr Erscheinen vorbereitet. Sie hatten sie gut übertölpelt. Aber sie waren auch selbst schuld. Immerhin war das ihr Revier. Auch wenn die Territoriumsgrenze am Rande der Vorstadt entlanglief, kannten sie sich auch auf diesem Stück Erde ganz besonders gut aus.

Er schlug seine Krallen in einen Gegner vor ihm und presste ihn mit Hilfe seines muskulösen Oberkörpers nach unten, bis er stilllag. Dann hörte er ein vertrautes Fauchen. Es klang verzweifelt, deswegen richtete er sich auf, wobei er sich mit den Vorderläufen auf seinen Gegner abstützte, und blickte sich um.

Da sah er sie. Cassandra stand mit dem Rücken zum Graben. Vor ihr gleich drei Gegner, die sich ihr langsam mit gesträubten Fell näherten. Auf einem Blick erkannte Brutus, dass es sich bei den Katern nicht um gewöhnliche Straßenkatzen handelte. Sie waren muskulös und wenn der Blitz den Himmel erhellte, erkannte er sogar einige alte Kampfnarben. Auch ihre Vorgehensweise schien nicht die der Straßenkatzen zu sein. Sie rannten nicht einfach drauf los, sie schüchterten ein und griffen dann einer nach dem anderen an. Als ein erneuter Blitz die Nacht erhellte, konnte Brutus grade noch erkennen, dass er einen der Kater bereits kannte, ehe ihm der jetzt heftig einsetzende Regen, die Sicht nahm. Es war Rex.

Brutus hatte seinem Boss Slim, der natürlich auch Ceasar unterstand, einmal eine größere Wunde am Ohr zugefügt. Jetzt griffen die drei nacheinander an. So schnell er konnte bahnt er sich seinen Weg zu der kleinen, schwarzen Katze, die ihm mehr bedeutete, als er bisher zugeben mochte. Die Angst um sie griff wie eine eiskalte Hand nach seinem Herzen. Als er sie erreichte, waren ihr schon einige Blessuren beigebracht worden, aber über die Wange des ihm als Rex bekannten Katers, zog sich eine dicke rote Schramme. Die kleine kämpfte wie eine Löwin und ließ sich nicht einschüchtern wie er bewundernd feststellte. Wütend fauchte Rex auf und wollte sich eben erneut auf Cassandra stürzen, als Brutus von der Seite auf ihn zu sprang, ihn aus der Luft griff und mit ihm zu Boden ging. Dabei legte er seine ganze Körperkraft in diesen Sprung um den Gegner danach hart auf den Boden zu drücken. Er war rasend vor Zorn und hoffte wirklich, dass sich dieser Kater mehr als nur einen Knochen gebrochen hatte.

„Brutus“ zischte Cassandra leise. Dieser versetzte seinem Gegner grade noch einen kräftigen Biss in die Hinterbeine und hinterließ mit seinen Krallen eine deutliche, rote Spur an dessen Seite. Dann lies er von ihm ab und stürzte sich wie besessen auf den nächsten Kater, der herbeigeeilt war, um seinem Kumpanen zur Seite zu stehen. Cassandra brauchte einen Moment um sich zu fassen. Sie war noch nie so glücklich gewesen, dass Brutus in ihrer Nähe war, wie in diesem Moment. Wärme schoss durch ihren Körper, als sie sah, mit welcher Inbrunst er ihre Gegner in die Schranken wies.

Ob ihre Gefühle doch über das Schüler-Lehrer-Verhältnis hinaus ging, das sie bisher hatten? Entschlossen schüttelte sie den Gedanken ab. Sie hatte jetzt andere Probleme, und könnte sich auch noch später mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, schallt sie sich. Dann fokussierte sie den dritten Kater, der offenbar beschlossen hatte, sich nicht in den Kampf gegen Brutus einzumischen. Mit funkelnden Augen sah er sie an und sprintete auf sie los. Er unterschätzt mich, dachte Cassandra mit einer Mischung aus Ärger und Genugtuung. Entschlossen fuhr sie ihre Krallen aus, legte die Ohren an, sträubte das Fell und buckelte.

Der Kater stürzte weiter auf sie zu, doch sie glaubte eine leichte Unsicherheit in seinen Augen zu sehen. Als er bei ihr angelangt war, wich sie blitzschnell zur Seite aus und zerkratze ihm mit ihren Krallen die rechte Flanke. Der Kater fauchte wütend auf und versuchte, sich nach ihr umzudrehen, wobei er sich bemühen musste, das Gleichgewicht zu halten. Cassandra nutze die Gelegenheit, tänzelte um ihn herum und rammte ihm mit voller Wucht ihren Kopf in die andere Seite, sodass er nun vollends das Gleichgewicht verlor auf seine rechte, bereits verletzte, Seite kippte. Neben ihm lag der Körper eines erschöpften Straßenkaters, den Cassandra zuvor im Zweikampf besiegt hatte. Über den fiel der verblüffte Kater nun und landete mit einem wilden Fauchen im Graben. Den verletzten Kater am Straßenrand rollte sie kurzerhand hinter, sodass dieser auf ihren Gegner fiel und ihn unter sich begrub.

Brutus stand plötzlich an ihrer Seite und sah in den Graben hinein.

„Gut gemacht“ schnurrte er dann und sie glaubte, ein wenig Überraschung aus seiner Stimme heraus zu hören.

„Wieso so überrascht?“ Fragte sie deshalb.

„Ich hatte schließlich einen fantastischen Lehrer!“ Schnurrend vergrub sie ihren Kopf in Brutus schlammverkrustetes Brustfell. Es war ihr egal, dass sie dadurch selbst am Kopf voller Schlamm war, den der Regen mittlerweile wieder weichspülte.

„Danke“ flüsterte sie „dass du da warst.“ Brutus antwortete mit einem Schnurren und leckte ihr kurz über die Ohren. „Nein, was für ein süßes Paar“ hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich, die vor Ironie nur so triefte. Entschlossen stellte sich Brutus vor Cassandra und sah seinem alten Feind entgegen.

„Ich kann selbst auf mich aufpassen“ fauchte diese, verstummte aber, als sie die Anspannung in Brutus Körper bemerkte.

„Nicht in diesem Fall, Kleines“ zischte er leise.

„Hör gut auf deinen Liebhaber, Täubchen“ knurrte Slim. „Hey, du hast mir zwar mein halbes Ohr weggerissen, aber hören kann ich immer noch ausgezeichnet.“

„Verschwinde Slim“ fauchte Brutus.

„Ihr werdet hier eindeutig den Kürzeren ziehen.“

„Ist das so? Aber vorher werde ich dich büßen lassen. Du wirst dir noch wünschen, mir nie begegnet worden zu sein!“ Mit diesen Worten stürzte sich Slim auf Brutus und ein erbitterter Kampf begann. Fasziniert und gleichzeitig mit Angst erfüllt, sah sie den beiden Kämpfenden zu – ehe sie wieder zu sich kam und bemerkte, dass sie auf einem Schlachtfeld stand und sich besser wieder nützlich machen sollte. Grade wollte sie sich in den nächsten Kampf stürzen, als ein anderer bekannter Kater ihre Aufmerksamkeit erregte. Buster war noch immer mit Achilles am Kämpfen. Er war der größte, schwärzeste und zotteligste Kater, den sie je gesehen hatte. Beide waren bereits vom Kampf gezeichnet, atmeten schwer und hatten das Gesicht vor Wut verzerrt.

Als Buster ihre Anwesenheit bemerkte, zischte er ihr zu: „Gaaja und Leeja bewachen die Grenze allein. Geh und hilf ihnen!“ In dem Moment stürzte sich Achilles erneut auf Buster. Sie wollte ihm helfen, doch die Sorge um Gaaja und Leeja schien noch viel größer, als sein Schmerz.

„Geh!“

Auf sein Fauchen hin, setzte sich Cassandra in Bewegung. Der Regen prasselte weiterhin stark auf die kämpfenden Katzen hernieder und immer wieder zuckten grelle Blitze über den pechschwarzen Himmel. Nur schemenhaft nahm sie wahr, dass Charlie sich mit gleich zwei fremden Katzen herumbalgte, dass Ami wie verbissen mit einer anderen, großen Katze am Kämpfen war und Cloud und Filou sich wild fauchend durch die Menge der Katzen pflügten. Sie hatte die Doppelfelsen fast passiert, als sich ein weiterer Kater ihr in den Weg stellte.

„Wo willst Du denn hin, meine Süße?“ Fauchte er süffisant. Doch plötzlich sprang ein völlig verdreckter Otis ihn von hinten an und verwickelte ihn in einen Kampf.

„Lauf“ schrie er ihr zu. Und das tat sie. Nicht etwa, weil sie Angst hatte oder einen weiteren Kampf nicht hätte gewinnen können. Nein, sie hatte einen Auftrag und sie wollte den beiden Freundinnen helfen. Als sie die Stelle passierte, an der Ceasar und Mikesh gegeneinander kämpften, stockte sie kurz. Sie hatte eine angeborene Gabe Emotionen zu erkennen. Ihre Sinne waren schärfer als die, von normalen Katzen. Und Luna hatte ihr beigebracht sie richtig einzusetzen. Doch grade jetzt trafen sie die Gefühle der kämpfenden so hart, dass sie glaubt sie körperlich zu spüren. Diese Wut. Nie hatte sie solch grenzenlose Wut gespürt. Und Hass. Von Mikesh nahm sie nur das Verlangen war, sein Heim zu schützen. Sorge mischte sich in dieses Gefühl mit rein. Selbst jetzt, als er erbittert gegen seinen Widersacher kämpfte, machte er sich zugleich Sorgen um seine Freunde. Doch dieser Ceasar – wie konnte ein einzelner Kater nur so viel Hass auf die Welt empfinden? Ihm musste in seinem Leben viele schlimme Dinge passiert sein. Anders konnte sie sich das nicht erklären. Hass war ein starkes Gefühl und nur wenige Katzen, die ihr bekannt waren, hatten je solche Gefühle gehabt. Es gab das übliche Territorialverhalten, es gab Meinungsverschiedenheiten und Rangkämpfe. Das alles war nicht neu für sie. Doch diese Art von Hass ging viel, viel tiefer. Sie war so gebannt von dem Kampf der beiden Kater, dass sie erst wieder zu sich kam, als eine schlanke Katze auf sie zu schoss. Doch noch ehe sie Cassandra erreichte, wurde sie von Maja gestoppt. „Hast Du nicht einen Auftrag?“ Keuchte ihre Mutter. „Worauf wartest Du?“ Einen kurzen Augenblick sah sie ihrer Mutter beim Kämpfen zu. Sie spürte ihre Wut. Ihren übermächtigen Beschützerinstinkt und ein so starkes Gefühl von Liebe und Zuneigung, dass Cassandra kurz ins Taumeln geriet. Schweren Herzens machte sie sich von diesem Anblick los, und sprintete weiter auf die Grenze des Vorstadt-Territoriums zu.

 

Leeja sprang vom Baum hinunter und stellte sich dem schwarzbraunen Kater in den Weg, der gradewegs auf die Vorstadt zu gerannt kam. Gaaja wartete noch einen Augenblick. Sie kannten den Kater. Es war Gus. Einer der engsten Vertrauten von Ceasar. Normalerweise hielt er sich aber immer im Hintergrund. Was hatte er vor?

„Sieh mal einer an, wen wir dahaben?“ Knurrte Gus Leeja an.

„Wenn das nicht die kleine Zicke von damals ist. Du hast uns ganz schön Scherereien gemacht, meine Hübsche!“

„Ich bin nicht deine Hübsche.“ Fauchte Leeja zurück.

„Und die kleine Zicke von damals gibt es nicht mehr. Ich habe jetzt gelernt mich zu verteidigen … und anzugreifen.“ Mit diesen Worten stürzte sie sich auf den alten Gus, vergrub ihre Krallen in seine Schulter und versuchte sich in seinem Hals fest zu beißen. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich zwei weitere Katzen auf. Ein junger Kater mit rotgetigertem Fell stürzte sich auf Leeja und zog sie von Gus herunter. Sofort sprang Gaaja zu ihr, wurde aber Augenblicklich von einer Katze mit braungetigertem Fell angegriffen. Blitzschnell erkannte Gaaja, dass der kleine getigerte und Gus keine besondere Herausforderung für sie beide darstellen würden. Die Dritte im Bunde aber schon. Und sie waren in der Überzahl.

„Lauf Gus!“ Rief der jüngere Kater dem Älteren zu. Gaajas Verstand arbeitete auf Hochtouren. Wie konnte sie verhindern, dass sich dieser verschlagene Kater in ihr Territorium einschlich? Sie konnte Leeja schlecht mit den beiden verbliebenen Katzen allein lassen.

„Folge ihm“ fauchte ihre Freundin grade.

„Ich lass dich nicht allein“ gab sie fauchend zurück. Cassandra stürzte sich mit einem wilden Miauen auf den jüngeren Kater.

„Ich übernehme. Folg ihm“ rief sie Gaaja zu. Leeja verwickelte die braunbeige Katze in einen Kampf und Gaaja machte sich auf, hinter Gus her zu eilen.

Der kleine Kater war fitter, als Cassandra erwartet hatte. Er schien bisher noch nicht viel in Kämpfe verwickelt worden zu sein. Vielleicht weil er unscheinbar wirkte und keine große Gefahr darzustellen schien. Das war ein Fehler, wie ihr jetzt bewusstwurde. Cassandra war bereits von diversen Kratzern überseht. Regentropfen hatten sich in ihrem Fell verfangen und machten es schwerer. Außerdem hatte sie jetzt in atemberaubender Geschwindigkeit eine kleine Strecke zurücklegen müssen. Unter den gegebenen Umständen, hatte ihr das mehr Kraft geraubt, als normalerweise. Diese Kraft fehlte ihr jetzt. Während sich Leeja mit der Katzendame befasste, wurde sie von dem Kater immer weiter zurückgedrängt und bekam mehr Kratzer ab, als ihr lieb waren. Ihre Lunge brannte, ihre Beine zitterten vor Anstrengung, als ein schwarzer Schatten neben ihr auftauchte und ein bekannter Geruch in ihre Nase drang. Felix!

„Ich übernehme hier. Du gehst und lässt deine Wunden behandeln.“ Wie gerne hätte sie ihm widersprochen, aber sie wusste, dass es töricht gewesen wäre. Sie war tatsächlich am Ende ihrer Kraft. Langsam zog sie sich zurück und lief Luna direkt in die Arme.

„Komm Schätzchen, hier entlang“ schnurrte sie.

„Wir kümmern uns um dich!“ Sie führte sie zwischen den Häusern entlang unter eine kleine Überdachung, die die Dosenöffner für ihre Autos nutzten. In einer Ecke hatten sie ein kleines Lager eingerichtet, mit Moos und Stroh sowie einigen Kräutern und Wasser. Als sie näherkam, stieg ihr ein Geruch in die Nase. Sie konnte ihn nicht gleich zuordnen. Es roch nach Blut und Schmerz. Und tief unter diesen Gerüchen verborgen, erkannte sie einen ihr bekannten Geruch. Endlich sah sie die Quelle der Gerüche. Ein ziemlich ramponierter Findus lag in der Ecke zusammengerollt. Er schien zu schlafen. Aber er hatte dennoch starke Schmerzen.

„Ich habe ihn schon mit Mohnblüten versorgt. Er wird eine Weile Schlafen. Danach geht es ihm hoffentlich besser.“ Sagte Luna sanft, die ihrem Blick gefolgt war.

„Jetzt kümmern wir uns erstmal um Dich.“

„Luna? Cassandra? Alles klar bei Euch?“ Luca steckte kurz seinen Kopf in den Unterschlupf.

„So schlimm ist es nicht“ setzte Cassandra an.

„Nur ein wenig erschöpft.“

„Die Wunden sind nicht tief“ erklärte Luna.

„Sie braucht etwas ruhe, und bald wird es ihr bessergehen.“ „Das ist gut“ erwiderte Luca und Cassandra und Luna spürten sofort, dass er nervös war.

„Was ist los?“ Fragte Luna ihren Bruder.

„An der Grenze gibt es Ärger. Ich gehe hin um zu helfen. Kommst Du hier alleine klar?“

„Natürlich, geh ruhig“ nickte Luna ihm zu.

„Ich bin ja auch noch da!“ Schnurrte Cassandra und ließ sich bereitwillig von Luna verarzten. Und schon war Luca verschwunden, um seinen Freunden zu helfen, deren Gegner mittlerweile noch Unterstützung von einigen Straßenkatzen bekommen hatten.

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