22. Kapitel – Vorstadtkatzen

Ein Sturm hatte die Vorstadt erreicht. Durch den stark herniederprasselnden Regen, verfolgte Gaaja den alten Kater. Für sein Alter und die Kämpfe, die er bisher ausgefochten hatte, war er aber noch recht fit, wie sie sich eingestehen musste.

Ihr Fell hatte sich mit Wasser vollgesogen und machte sie langsamer, während es immer schwieriger wurde, ihren Feind nicht aus den Augen zu verlieren. In der Dunkelheit und in diesem Unwetter, war er durch seine schwarzbraune Fellfarbe sehr gut getarnt. Immer wieder drängte sich Gaaja eine Frage auf: Wo wollte er hin? Und wieso kannte er sich so gut in der Vorstadt aus? Er bog um die nächste Straßenecke. Gaaja sprintete hinterher – und stockte.

Aufmerksam sah sie sich um. Nirgends eine Spur von Gus. Sie hatte ihn verloren. Wut und Enttäuschung schnürten ihr die Kehle zu und fieberhaft versuchte sie, den Kater wieder zu finden. Aber der Regen schien alle Spuren zu verwischen. Ganz mit sich und ihrem Unmut beschäftigt, wäre ihr beinahe nicht aufgefallen, in welchem Viertel sie sich befand. Als sie sich etwas beruhigt hatte, nahm sie plötzlich bekannte Gerüche war. Erstaunt stellte sie fest, dass sie vor ihrem eigenen Haus stand. In ihrem Viertel. Was wollte Gus hier? Oder war das nur eine Ablenkung gewesen? Fieberhaft dachte sie darüber nach, welches Ziel Gus haben könnte.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag – die einzigen Katzen, die sich derzeit nicht auf dem Schlachtfeld befanden, waren Victoria und die Kätzchen! „Er wird doch nicht…“ murmelte Gaaja, dann sprintete sie los. Die Antwort auf die unausgesprochene Frage kannte sie bereits: Doch er würde! Oft genug hatte sie mit ansehen müssen, wie ungewollte Kätzchen von Ceasar und seinen Handlangern getötet wurden. Und Gaaja wusste noch eines ganz sicher: Diesmal würde sie es nicht einfach zulassen. Sie würde es verhindern, und wenn es das Letzte wäre, dass sie tun würde!

 

***

 

Mikesh wich einem erneuten Angriff von Ceasar geschickt aus. Aber mittlerweile ließen auch seine Kräfte spürbar nach. Der Kampf dauerte schon geraume Zeit und wäre auch ohne den ständigen Regen und der Kälte, die ihm langsam unter die Haut kroch, anstrengend genug gewesen. Doch zum Glück ging es seinem Gegenüber nicht viel besser. Seine wenigen Lücken in der Verteidigung, waren nur schwer auszumachen und noch schwerer zu nutzen. Er war schnell, stark und absolut skrupellos. Wieder begannen sich die Kontrahenten zu umkreisen, sich abzuschätzen und die Schwachstellen des jeweils anderen auszumachen.

„Du bist ein Narr, Hauskätzchen“ knurrte Ceasar mit einem bösen Grinsen im Gesicht.

„Die beste Form einen Sieg zu erringen ist die, die Schwachstellen des Gegners auszunutzen!“

„Da wirst Du hier aber nicht viel Glück haben“ gab Mikesh mit einem wütenden Funkeln in den Augen zurück.

„Meine Katzen wissen, wie man kämpft.“

„Oh, aber ich spreche doch nicht von diesem billigen Schlachtfeld“ lachte Ceasar höhnisch auf. „Die waren Schwachstellen befinden sich nicht hier…“

„Was…“ Mikesh stockte. Seine Augen wurden groß, als er dem Gedankengang von Ceasar zu folgen versuchte.

„Das wagst Du nicht“ fauchte er dann und erntete nur ein mitleidiges Lachen.

„Mein Lieber, das habe ich doch schon längst. In diesem Moment bricht einer meiner geschicktesten Spione durch die Grenzen Eures Territoriums, das ihr so hartnäckig verteidigt. Was euch auch nichts bringen wird, wenn ich euch erstmal die Kleinen genommen habe.“ „Sie werden ihn aufhalten“ fauchte Mikesh aufgebracht.

„Wer denn?“ lachte Ceasar nun lauthals auf.

„Gaaja und Leeja, die Du an der Grenze postiert hast? Die haben es früher schon nicht mit uns aufnehmen können. Und dieser kleine schwarzweiße Schwächling, der sich so gut auf das platzenlassen von Autoreifen versteht? Der ist doch nur eine halbe Portion. Nein, deine besten Kämpfer hast Du hier. Aber was nützen sie dir hier, wenn wir Euch von innen bekämpfen?“

Mikesh fühlte sich, als würden eiskalte Klauen sein Herz umklammern. Sein Atem stockte und für einen Moment glaubte er, dass ihm sämtliche Kraft aus dem Körper entweichen würde. Alarmiert hob er den Kopf und warf einen flüchtigen Blick zur Territoriumsgrenze zurück. Woher konnte Ceasar nur wissen, wie er sie aufgestellt hatte? Hoffentlich ging es ihnen allen gut.

Es war nur ein flüchtiger Augenblick der Unachtsamkeit, aber Ceasar erkannte seine Chance sofort – und ergriff sie.

Mit seiner ganzen Kraft sprang er auf Mikesh zu, bohrte seine messerscharfen Krallen in seine Brust und drückte ihn zu Boden. Es roch metallisch nach Blut und Mikesh fauchte schmerzerfüllt auf. Er erkannte sofort, dass er einen folgenschweren Fehler begangen hatte. Und das war vielleicht nicht sein einziger gewesen. Doch er konnte und durfte jetzt nicht aufgeben. Seine Freunde zählten auf ihn. Zorn flammte in ihm auf und neue Kraft schien ihn zu durchfluten. Aber es gelang ihm nicht den großen Kater von sich herunter zu stoßen. Plötzlich aber verschwand das selbstgefällige Grinsen aus Ceasars Gesicht und auch er fauchte wütend auf. Einen kurzen Moment hatte Mikesh das Gefühl, Ceasar wäre plötzlich doppelt so schwer wie normal und seine Knochen würden unter dem Druck zerbrechen. Doch dann war das Gewicht ebenso schnell wieder verschwunden.

Als er sich umsah, erkannte er, dass Buster sich auf Ceasars Rücken festgekrallt und seine Zähne in dessen Nackenfell gegraben hatte. Wütend buckelte Ceasar und versuchte den anderen Kater, der trotz seiner Größe immer noch einen halben Kopf kleiner war als er, abzuschütteln. Doch war er nicht bis grade noch mit Achilles im Kampf verstrickt gewesen? – Schoss es Mikesh durch den Kopf. Alarmiert rappelte er sich auf, doch zu spät. Achilles stürzte sich bereits auf Buster und bald wurde er von beiden Katern in die Zange genommen. Sie schlugen auf ihn ein und schnappten nach ihm, wollten ihn packen und zwischen sich zerreißen.

„Mike, komm schon“ fauchte Dschingis, der plötzlich neben ihm stand.

„Reiß dich zusammen Mann! Buster braucht uns jetzt.“

Gemeinsam stürzten sich die beiden Kater auf Ceasar und Achilles, während sich Buster einen kurzen Augenblick zum Durchschnauben nahm. Er hatte ganz schön was abbekommen. Aber zum rumheulen würde er später noch genug Zeit haben, schallt er sich, raffte sich auf und wollte grade wieder los sprinten, als Max neben ihm auftauchte.

„Du bist verletzt“ knurrte er. „Lass uns das hier übernehmen und geh zu Felix und den Anderen.“

„Pfft… von so n paar Kratzern bin ich noch lange nicht klein zu kriegen…“ knurrte Buster.

„Zurück auf deine Position mit dir“ fauchte Mikesh, der inzwischen wieder mit Ceasar Rang.

„Hab ich Dich nicht an die Seite von Gaaja und Leeja gestellt? Die Kätzchen sind in Gefahr, also lauf und hilf‘ ihnen!“

Unterschiedliche Gefühle rangen in Buster miteinander. Schuldbewusstsein, weil er seine ursprünglich angedachte Stellung verlassen hatte. Das war im nach hinein betrachtet vielleicht nicht klug gewesen, aber er hatte seinem Gefühl einfach vertrauen müssen. Dann war da noch die unbändige Wut, die in ihm tobte, weil er diesen Kampf gegen Achilles unbedingt gewinnen wollte. Und seine Eitelkeit, die es nicht ertrug, sich zurück ziehen zu müssen. Aber auch die Sorge um Gaaja nahm einen großen Platz in seinem Herzen ein. Und noch etwas Anderes, was Mikesh gesagt hatte, bahnte sich langsam seinen Weg von seinem Ohr in seinen Verstand. Die Kätzchen waren in Gefahr? Nein, das durfte er nicht zulassen. Und das würde er auch nicht. Entschlossen schluckte er seinen Stolz hinunter und sprintete Richtung Vorstadt.

 

Felix rannte auf den jungen Kater zu, verpasste ihm eine Schramme mit seinen Krallen, und duckte sich danach so geschickt weg, dass es seinem Gegner nicht gelang, ihm ebenfalls ernsthaft zu Schaden. Er fauchte frustriert. Selbst die herbeigeeilten Straßenkatzen, hatten nicht viel ausrichten können – Dank Luca, der sie gut in Schach hielt. Leeja kämpfte derweil verbissen gegen die braunbeige Katze und hatte sich fest in ihr Nackenfell verbissen. Ihre Gegnerin versuchte sie abzuschütteln, doch sie hielt sich mit ihren Krallen an ihr fest. Als Blue an der Vorstadtgrenze ankam, stockte sie einen Moment. Dann sprintete sie kurz entschlossen zu Donna hinüber und riss die überraschte Leeja von ihr herunter.

Doch anstatt noch einen Moment länger zu bleiben und Leeja auf dem Boden festzunageln, setzte sie ihren Sprint Richtung Vorstadt fort. Leeja sah ihr nach und wollte grade die Verfolgung aufnehmen, als sie von hinten attackiert wurde.

„Hier spielt die Musik“ fauchte die Katze angriffslustig und machte sich zu einer erneuten Attacke bereit.

Luca kämpfte grade mit ein paar Straßenkatern, als Buster auftauchte und mit einem gewaltigen Prankenhieb einen der Kater von ihm wegschleuderte. Der blieb einen Moment reglos vor seinen drei Freunden liegen. Die Straßenkatzen starrten den großen Kater an, der jetzt vor Ihnen stand und sie um mehrere Köpfe überragte. Buster fauchte wütend, zeigte die Zähne und fuhr seine Krallen aus. Grade machte er sich bereit, auf sie zuzuspringen, da nahmen alle vier Straßenkatzen ihre Beine in die Pfoten und flohen in die Richtung, aus der er eben gekommen war.

„Buster“ keuchte Leeja auf.

„Gaaja. Sie braucht deine Hilfe.“

„Wo ist sie?“ Fragte er alarmiert.

„Sie verfolgt Gus aber jetzt ist Blue auch noch in der Stadt…“

Die Kätzchen – schoss es ihm sofort erneut durch den Kopf und ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, stürmte er durch die Straßen der Vorstadt hinter Gaaja her.

 

***

 

„Lass uns auch mal sehen.“ Kiara machte durch lautes Maunzen ihren Unmut kund. Victoria seufzte. Sie saß auf dem Fensterbrett ihres Hauses, sah dem Regen zu und fragte sich, wie es ihren Freunden wohl erging. Die kleinen Katzen schienen ihre Nervosität zu spüren, denn an Schlaf war schon seit Ewigkeiten nicht mehr zu denken. Kiara und Lilli standen hinter ihr auf dem Boden des Zimmers auf ihren Hinterläufen und hatten die Vorderbeine an die Wand gelehnt. Verzweifelt versuchten sie, etwas zu sehen, was natürlich ein Ding der Unmöglichkeit war, da das Fenster deutlich höher lag. Sie fragte sich einmal mehr, wie es Ami wohl gelang diese Rasselbande im Zaum zu halten.

Ihr Blick schweifte hinüber zum Wohnzimmertisch, unter dem sich eine ziemlich verängstigte Mimi versteckte. Blitz und Donner machten ihr Angst. Eigentlich hatte sie vor so ziemlich allem Angst, was laut und ungewohnt war.

Kurz Entschlossen sprang die weiße Katze vom Fenstersims hinunter, ignorierte die jaulenden Geschwister, und schlenderte zum Wohnzimmertisch hinüber. Dort kauerte sie sich vor die kleine Mimi und redete beruhigend auf sie ein.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Kleines. Das Gewitter ist hoch oben am Himmel und kann Dir nichts anhaben.“

„Und was ist mit Mama und Tante Maja?“ Jaulte Mimi.

„Die sind jetzt da draußen. Geht es ihnen gut?“

„Bestimmt tut es das“ beruhigte Victoria sie und klang dabei zuversichtlicher, als sie sich fühlte. Leise krochen nun auch Lilli und Kiara heran und vergruben ihre Gesichter in Victorias weichem, weißen Fell. Doch plötzlich witterte sie etwas. Sie setzte sich aufrecht hin und lauschte in die Stille hinein. Sie hörte nur das ferne Donnergrollen, doch instinktiv spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Kätzchen begannen zu zittern, als sich ihre Anspannung auf sie übertrug.

„Unter den Tisch mit euch“ zischte sie Kiara und Lilli zu, ehe sie sich erhob.

„Ich schau mal, was da los ist.“ Widerstrebend gehorchten die Beiden, als die Furcht über die Neugier siegte.

Victoria sprang erneut auf den Fenstersims und blickte in die tiefschwarze Nacht hinaus, die nur hin und wieder durch hell zuckende Blitze am Himmel ein wenig erhellt wurde. Da sah sie etwas. Sie konnte nicht erkennen, was es war, doch irgendetwas näherte sich dem Hauseingang. Nervös peitschte ihr Schwanz am Fenstersims entlang, ehe sie einen Entschluss fasste und wieder vom Sims heruntersprang.

„Ihr bleibt hier“ zischte sie den Kätzchen zu. Sofort sprang Kiara auf. „Aber wieso? Wir wollen auch wissen, was da los ist!“ Victoria ließ ein genervtes Fauchen vernehmen, dass Kiara sich sofort wieder setzen ließ.

„Tut, was ich euch sage. Wenigstens dieses eine Mal!“ Mit diesen Worten schlich Victoria zur Katzenklappe an der Haustür. Zuerst versuchte sie einen ungewöhnlichen Duft wahr zu nehmen. Doch wer immer da lauern mochte, er schien noch nicht nah genug. Deshalb schob sie vorsichtig ihren Kopf durch die Klappe und lugte auf die Veranda. Noch immer nichts zu sehen. Aber endlich stieg ihr ein fremder Geruch in die Nase. Hier war also wirklich jemand. Mutig ihre eigene Angst überwindend, trat sie nun mit dem ganzen Körper durch die Katzenklappe auf die Veranda hinaus. Diese war überdacht, sodass sie zumindest nicht im Regen stand. Aufmerksam lauschte sie in die Nacht. Das Gewitter schien sich zu legen, denn es erschienen keine Blitze mehr am Himmel. Bald würden auch die Wolken aufhören, dass unangenehme Nass zu verströmen. Victoria nahm mit all ihren Sinnen die Umgebung war, roch das nasse Gras und den Regen. Und roch auch diesen fremden, strengen Geruch. Wer auch immer hier war, er bewegte sich auf sie zu, denn der Geruch wurde immer stärker.

Plötzlich blickten ihr zwei glühend gelbe Augen entgegen und ein älterer, schwarzbrauner Kater erklomm langsam die Stufen zu ihrer Veranda. Sofort legte Victoria die Ohren an, zog die Hinterbeine Sprungbereit unter ihren Körper und nahm eine Angriffsposition ein. Wütend begrüßte sie den Neuankömmling mit ihrem Fauchen. Der alte Kater lachte auf.

„Nanu, wer wird denn gleich so feindselig sein?“

„Was willst Du?“ Fauchte Victoria. „Dies ist nicht dein Territorium. Du hast hier nichts zu suchen. Also verschwinde!“

„Oh, das würde ich wirklich gern“ säuselte der fremde Kater. „Aber weißt Du, mein Auftrag lautet leider anders.“

Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck. Eben guckte er noch freundlich und zurückhaltend, doch nun grinste er böse und entblößte dabei seine nicht mehr ganz tadellosen Zähne.

„Geh mir lieber aus dem Weg, du halbe Portion“ grollte er nun bedrohlich leise. Victoria schluckte ihre Angst hinunter, ehe sie entgegnete: „Niemals.“

 

***

 

Gaaja hörte das wütende Fauchen zweier Katzen. Sie durfte nicht zu spät kommen. In der Hoffnung, sie könnte es vor Gus schaffen, hatte sie einige kleine Abkürzungen genommen über die Dächer und durch die Gärten der Stadt. Das Klettertraining bei Leeja hatte sich schon bezahlt gemacht. Es sah so aus, als käme sie grade noch rechtzeitig. Sie stand auf dem Dach der Veranda und hörte Victoria unter sich fauchen. Als sie ein Poltern vernahm, musste sie davon ausgehen, dass sich Gus auf sie gestürzt hatte. Kurzerhand sprang sie vom Verandadach, drehte sich um und erklomm die Stufen bis auf die Veranda. Gus beugte sich grade mit erhobenen Krallen über Victoria, die ihre Hinterläufe anzog und sie Gus in den Bauch zu rammen versuchte. Doch er war schnell und sprang hastig einige Meter zurück. Erstaunlich, dachte Gaaja, dass er noch so viel Energie besaß. Doch sie merkte an seinem unregelmäßigen Atem, dass der Kampf und die Hetzjagd nicht spurlos an ihm vorübergegangen waren. Beherzt stürzte sie ich auf Gus und begrub ihn unter ihrem Körper. Wild schlug er um sich und versetzte ihr einige Kratzer an Schulter und Flanken.

„Gaaja“ keuchte Victoria erleichtert auf.

„Geh wieder rein“ fauchte die Freundin zurück.

„Bleib bei den Kleinen.“

Gehorsam verschwand Victoria wieder ins Innere des Hauses, sah aber weiterhin zum Fenster hinaus.

„Du wirst unseren Kätzchen nichts antun“ fauchte Gaaja, nachdem sie von Gus abgelassen hatte.

„Wer redete denn davon, dass ich Ihnen was tun würde?“ Fragte der Alte süffisant.

„Gaaja lebt immer noch in der Vergangenheit“ hörte sie plötzlich eine weitere Stimme aus dem Garten, ehe Blue auf die Veranda trat und sie aus kalten Augen herablassen anblickte.

„Du“ zischte Gaaja.

„Allerdings.“ Gab Blue zurück.

„Wir töten schon seit einiger Zeit keine Kleinen mehr… die meisten Kätzchen kann man in frühen Jahren noch zu guten Kämpfern erziehen und ausbilden. Das ist übrigens allein mein Verdienst.“ „Dann bist Du jetzt wohl auch noch stolz auf dich, was?“ Spie Gaaja ihr entgegen.

„Allerdings“ gab Blue ungerührt zurück.

„Mir ist es zu verdanken, dass keine Kätzchen mehr getötet, sondern zu weiteren Anhängern und Kämpfern für Ceasar ausgebildet werden. Mir allein. Denn Du hast es ja vorgezogen, mich im Stich zu lassen!“

„Du weißt, dass das nicht wahr ist…“

„Wie ich das sehe“ mischte sich jetzt Gus ein, „sind wir in der Überzahl. Daher verstehst Du sicher, dass wir es sind, die bestimmen, was wahr ist und was nicht. Wenn Du mich jetzt entschuldigen würdest, ich gehe jetzt und hol mir eure Jungen.“ Mit diesen Worten wandte er sich der Haustür zu, während Blue sich Gaaja in den Weg stellte.

„Das kann ich bedauerlicherweise nicht zulassen“ erklang plötzlich eine weitere Stimme. Als Gaaja aufblickte erkannte sie, dass Buster vom seitlichen Teil der Veranda auf sie zu schlich. Bei der Haustür angekommen, baute er sich vor Gus auf.

„An mir wirst Du nicht vorbeikommen, Opa“ knurrte er. Gaaja stockte der Atem. Er sah schon sehr imposant aus, dieser große Kater mit dem langen Fell und den gelbglühenden Augen. Er überragte den alten Gus um fast zwei Köpfe, doch Gaaja wusste, dass die Körpergröße lägst nicht alles war. Zwar war Gus bereits geschwächt, aber Buster schien auch schon ganz schön was abbekommen zu haben. Sie sah die Schrammen in seinem hübschen Gesicht. Und sie roch frisches Blut. Die Kratzer in seinem Gesicht waren bestimmt nicht die einzigen Blessuren, die er davongetragen hatte. Und dennoch versperrte er Gus mutig den Weg. Und sie wusste, er würde ihn nicht vorbeilassen. Derart beruhigt wandte sie sich wieder ihrer einstigen Freundin zu.

„Es sieht aus, als wäret ihr jetzt nicht mehr in der Überzahl. Deine letzte Chance: Verschwinde oder Kämpfe!“

Als Antwort stürzte sich Blue auf Gaaja und versuchte sie zu beißen. Doch diese ließ sich auf den Rücken Fallen und schlug mit den Hinterpfoten aus, um Blue auf Abstand zu halten. Blitzschnell rappelte sie sich wieder auf und ging ihrerseits zum Angriff über.

Sie verpasste der blauäugigen Katze links und rechts einige Kratzer an der Schnauze und bekam dafür eine Pranke aufs Ohr. Sich den Schmerz verbeißend umkreiste sie Blue und suchte nach einer Schwachstelle. Als sich Blue abermals auf Gaaja stürzte, wich sie nicht zur Seite oder nach hinten aus, sondern sie machte sich klein und versuchte unter Blues Körper zu gelangen, um ihr dort eine Verletzung bei zu bringen. Zwar erwischte sie sie am Bauch, doch dafür schaffte es Blue ihr eine Wunde am Hinterlauf beizubringen. Bei dem Versuch auch noch Gaajas Schwanz zu verletzen, riss sie ihr einige Haare aus, was Gaaja zu einem wütenden Fauchen veranlasste. Vom Kampf zwischen Gus und Buster bekam sie nur schemenhaft etwas mit.

Doch dieser wurde immer Brutaler. Offensichtlich hatte Gus entschieden, dass er nicht mehr viel zu verlieren hatte. Mit allem, was seine alten Glieder noch vermochten, warf er sich auf Buster und zielte mit den Krallen auf die Augen, als wolle er sie ihm herausreißen. Dafür wurde er von ihm hart gegen den Zaun der Veranda geschleudert. Seine Luft wurde kurze Zeit aus seinem Körper gequetscht, als er mit dem Rücken gegen einen Pfosten knallte. Doch schier unbändige Wut trieb ihn dazu an, sich sofort wiederaufzurichten und einen erneuten Angriff zu starten. Es schien, als war die Wut das einzige, was ihn aufrecht hielt. Immer wieder Schlug er auf Buster ein und einmal gelang es ihm sogar fast, ihn von der Veranda zu stoßen. Nur mit einem beherzten Sprung gelang es Buster, sich in einem Strauch im Garten in Sicherheit zu bringen. Gus sprang hinterher. Der alte Kater machte tödlichen ernst. Er schnappte nach Busters Kehle und riss ihm mit seinen scharfen Krallen die linke Seite auf. Die Kämpfe auf der Veranda und im Garten wurden immer aggressiver, als im Haus plötzlich das Licht anging.

Victoria, die den Kampf aus dem Fenster nervös mit ansah, hob alarmiert den Kopf. Hinter ihr hatten die beiden Kätzchen, Kiara und Lilli, wieder zu Quengeln angefangen.

„Was ist da los?“

„Wir wollen auch was sehen.“

„Ja, vielleicht können wir helfen.“ Mit einer Geste unterband sie das maunzen der Kleinen und sprang vom Sims zu ihnen hinunter. Ein Stockwerk höher tat sich etwas und schon hörte sie das erste Knarren der Stufen.

„Ok, ihr Kleinen“ raunte sie. „Wenn ihr wirklich helfen wollt, dann ist das jetzt eure Chance!“ Sofort standen alle drei Jungen aufgeregt vor ihr Spalier, die Ohren gespitzt, das Nackenfell vor Aufregung gesträubt und die kleinen Schwänze schlugen unruhig hin und her. „Ihr werdet mir helfen die Dosenöffner davon abzuhalten, draußen nach dem Rechten zu sehen. Es ist mir egal, was ihr macht, aber wir müssen Gaaja und Buster da draußen etwas Zeit verschaffen, aus dem Garten zu verschwinden, ehe die Dosenöffner etwas mitkriegen!“

Sofort machten sich die Vier an die Arbeit. Sie empfingen den Dosenöffner mit lautem Miauen, strichen um seine Beine und konnten erreichen, dass er sich einen Moment leise sprechend mit ihnen beschäftigte. Doch das hielt nicht lange vor, also fasste die aufgeweckte Kiara den Entschluss, für ein wenig Chaos zu sorgen. Bald hatte sie sich an der Wohnzimmergardine, die bis auf den Boden reichte, festgekrallt und zog kräftig daran, während sie versuchte ihren Körper nach oben zu hieven.

Der Plan schien Erfolg zu haben, denn schnell rannte ihr Dosenöffner hin und versuchte die Kleine von den Gardinen zu trennen. Lilli begann das vom Tage übrig gebliebene Katzenfutter von der Küche bis zum Wohnzimmer auf dem Boden zu verteilen und Mimi lief dem Dosenöffner die ganze Zeit vor den Füßen herum. Victoria nutzte die Gelegenheit, um noch einen kurzen Blick durch das Fenster zu erhaschen. Der Kampf schien sich von der Veranda in den Garten verlegt zu haben. Doch das Fauchen war noch immer zu hören.

Also steckte sie ihren Kopf durch die Katzenklappe und raunte ihren Freunden zu: „Schnell, beeilt Euch, der Dosenöffner kommt gleich.“

Da wurde sie auch schon von hinten gepackt und ins Haus zurückgezogen.

„Nanu?“ Wunderte sich der Dosenöffner. „Habe ich etwa die Katzenklappe aufgelassen?“ Mit einem Handgriff hatte er sie verschlossen. Dann öffnete er die Tür und knipste das Licht auf der Veranda an.

„Hallo? Ist da wer?“ Angestrengt schien er in die Nacht zu lauschen, doch Victoria wusste, dass er längst nicht so gut sah, roch oder hörte, wie Ihresgleichen. Als er glaubte keinen Mucks zu vernehmen, löschte er das Licht und schloss die Tür hinter sich.

 

***

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