23. Kapitel – Vorstadtkatzen

Endlich ließ der Regen nach und der Himmel klarte langsam auf. Der Mond erhellte die Straßen der Vorstadt mit seinem schwachen Licht, denn langsam war es Zeit für ihn, den Platz für die Morgensonne frei zu machen. Leeja kam ihnen bereits entgegen als Gaaja, Buster und Blue zum Rande des Territoriums kamen. Auch Findus, Cassandra, Luna, Luca und Felix warteten da auf die Beiden. „Wo sind die Katzen, mit denen ihr grade gekämpft habt?“ Fragte Gaaja ihre Freundin.

„Wir haben sie in die Flucht geschlagen“ antwortete Felix an ihrer Stelle, der seine Wunden von Luna untersuchen ließ.

„Die Straßenkatzen haben sich in alle Himmelsrichtungen verstreut und die, die zu Ceasars Clan gehört haben, scheinen sich zu ihrem Boss zurück gezogen zu haben.“

In diesem Moment rannte Blue los. Leeja wollte ihr hinterher stürzen, doch Buster hielt sie auf.

„Lass sie gehen.“ Knurrte er.

„Was ist mit Gus?“ Fragte Leeja daraufhin. Doch Buster schüttelte nur den Kopf.

Nachdem er ihm die Seite aufgerissen hatte, und das Licht im Haus angegangen war, hatte Buster den kleinen Kater mit einem kraftvollen Tritt ins Gebüsch befördert und sich anschließend auf ihn geschmissen. Als der Dosenöffner sich endlich entfernte, hatte es der alte Kater noch ein letztes Mal versucht, Buster auch noch die Kehle auf zu schlitzen. Doch nach einem kräftigen Hieb von dem viel größeren Kater, hatte er sich nicht mehr bewegt.

Er wäre ihm auch so unterlegen gewesen, doch nachdem er bereits etliche Kämpfe und eine Verfolgungsjagd hinter sich hatte, war der Kampf einfach zu viel für den Alten gewesen.

„Kommt“ sagte Buster müde. „Lasst uns zu den anderen gehen und sehen, ob man unsere Hilfe braucht.“

 

***

 

„Sieh es ein Ceasar“ fauchte Mikesh laut. „Es ist vorbei!“

Die Vorstadtkatzen hatten sich um die verbliebenen Mitglieder von Ceasars Clan gestellt. Es gab Verletzte auf beiden Seiten, doch jetzt, wo die Straßenkatzen das Weite gesucht hatten, waren die Vorstadtkatzen eindeutig in der Überzahl. Plötzlich warf sich eine Katze von hinten auf Mikesh, krallte ihr Pranken in seine Schulter und biss ihm in den Nacken. Wütend fauchte Mikesh auf und mit einem letzten großen Kraftakt, schleuderte er die Angreiferin von sich. Blue landete schwer verwundet und völlig entkräftet zu Ceasars Füßen. „Mutter!“ Keuchte Achilles auf. Und das erste Mal erkannte Mikesh in ihm so etwas wie Mitgefühl. Doch nicht nur in ihm. In Ceasars irren Augen loderte erneut ein wildes Feuer auf und grollend gab er zurück: „Es wird niemals vorbei sein!“

Damit warf er sich erneut auf Mikesh, drückte ihn zu Boden und versuchte sich in seinen Hals zu verbeißen. „Mikesh!“ Keuchte Leeja angsterfüllt auf, als sie und ihre Freunde endlich die Anderen erreicht hatten. Doch Brutus kam seinem Freund schon zur Hilfe, verbiss sich in Ceasars Flanke und zerrte ihn von Mikesh herunter. Ceasars Beine knickten kurzzeitig ein, doch er rappelte sich nochmal hoch und schleuderte Brutus von sich, was Slim dazu ermutigte, noch einmal sein Glück zu versuchen. Sofort war er bei ihm und hieb mit seinen Krallen auf ihn ein, doch Cassandra und Maja waren zur Stelle, um seinen Angriff abzuwehren. Wütend zog er sich zu seinem Clan zurück, als sich ein weiterer Kater ins Geschehen einmischte.  Mit einem wilden Kreischen stürzte sich Dschingis auf Ceasar, der sich wieder Mikesh zugewandt hatte und erneut versuchte, ihn in den Nacken zu beißen. Er zerkratzte dem großen, schwarzbraunen Kater das Gesicht und hinterließ eine tiefe Kratzspur auf seinem linken Auge. Frisches Blut quoll hervor und verklebte die Lieder, sodass er dieses Auge nicht mehr öffnen konnte.

Mit einem wilden Aufschrei packte er den Kleineren und schleuderte ihn von sich, auf den Doppelfelsen zu, wo er hart aufschlug und regungslos liegen blieb.

Cassandra erstarrte. Unfähig auch nur einen Muskel zu bewegen, blieb sie minutenlang neben Brutus stehen und sah zum Doppelfelsen hinüber. Die Geräusche um sie herum nahm sie kaum noch wahr, als sie wie in Trance auf den Doppelfelsen zu schlich. Je näher sie kam, desto bewusster wurde ihr, dass dies kein böser Traum war. Und dennoch weigerte sich ein Teil von ihr hartnäckig, die grausame Wahrheit zu erkennen. Als nur noch wenige Meter und der Straßengraben sie von dem schwarzen Kater trennte, begann sie zu rennen. ‚Nein‘ schoss es ihr durch den Kopf. „Nein, nein, nein“ entschlüpfte es ihrer trockenen Kehle. Mit einem Satz sprang sie über den Graben hinweg und landete nur wenige Pfotenlängen vor ihrem Vater im regennassen Gras.

Voller Furch trat sie näher und berührte mit der rechten Pfote leicht sein linkes Vorderbein. Doch es tat sich nichts. Vorsichtig stupste sie mit der Nase seinen Kopf an und hoffte, er würde sich regen und von ihr fort drehen, da ihm körperliche Nähe immer in Verlegenheit brachte. Wieder wurde sie enttäuscht. Langsam rutsche sie näher an ihn heran, beugte sich über ihn, schnupperte. Sie roch das frische Blut, dass aus einer Wunde an seinem Kopf und aus zahllosen Kratzern hervorquellte. Doch sie konnte seinen Atem nicht mehr wahrnehmen.

Die Erkenntnis sickerte häppchenweise in ihren Verstand vor: Er war tot. Einfach fort. Sein Körper war noch da, aber ER war es nicht mehr. Dabei war das nicht fair. Sie hatte noch so viele Fragen, wollte noch so viel wissen. Über ihre Mutter und die gemeinsame Vergangenheit ihrer Eltern. Sie hatte noch so viel zu lernen. Doch er würde sie niemals mehr lehren können, was sie wissen musste, um auf der Straße zu überleben. Nie wieder.

Plötzlich umfasste eine tieftraurige Schwere ihr Herz und zog es herunter. Noch nie in ihrem Leben, hatte sie sich so allein gefühlt. Sie legte sich ins Hohe Gras und bettete ihre Schnauze auf das durch Blut verfilzte Fell ihres Vaters. Jemand trat an ihre Seite. Ein vertrauter Geruch kitzelte sie in der Nase. Ein Teil von ihr wusste, dass es Brutus war, der sie durch seine Nähe zu trösten versuchte, doch sie war unfähig darauf zu reagieren. Unfähig, etwas Anderes zu fühlen, als diese gähnenden Leere in ihrem Inneren.

„Dschingis“ flüsterte Minka dicht neben ihr, auf ihrer anderen Seite und vergrub das Gesicht vor Trauer in seinem Fell.

„Du Monster“ fauchte Max, rasend vor Zorn. Wütend stürzte nun er sich auf Ceasar. Doch er war nicht allein. Mikesh hatte sich wieder aufgerappelt und auch Brutus löste sich langsam von Cassandra und kam herbei gehumpelt. Buster gesellte sich zu seinen Freunden. Gemeinsam Namen sie es noch einmal mit Ceasar auf, dessen Sohn verzweifelt versuchte, seinem Vater zu helfen, was ihm nicht gelang, da ihm die Vorstadtkatzen den Weg versperrten. Doch sie waren nicht so grausam wie die Straßenkatzen. Und als der Gegner besiegt am Boden lag, rief Mikesh seine Freunde zurück.

Wiederwillig folgte auch Max seiner Anweisung und rannte dann ebenfalls auf den reglosen im Gras liegenden Dschingis zu.

Ceasar versuchte wieder auf zu stehen, doch seine Beine wollten einfach nicht gehorchen.

Er hatte schon zu viel gekämpft in dieser Nacht, zu viel Blut verloren, und der Himmel wurde immer heller, während sich die Sonne bereit machte ihre Strahlen über den Horizont zu werfen. Allein sein unbändiger Hass, verlieh ihm die Kraft noch einmal auf Mikesh los zu gehen.

Doch er war zu langsam. Der getigerte Kater wich ihm geschickt aus und verpasste ihm einen tiefen Kratzer an der Flanke. Frisches Blut quoll hervor und verklebte das lange Fell an seiner Seite, wie es das zuvor schon an anderen Körperstellen getan hatte.

Hasserfüllt blickte der große schwarzbraune Kater ihn an aus seinem verbliebenen Auge an und wollte grade zum Gegenschlag ausholen, als Mikesh ihm mit den Krallen erneut über das Gesicht fuhr und ihm auch das rechte Auge zerkratzte.

Vor Schmerzen und Wut fauchte Ceasar auf. Nun der Sicht vollständig beraubt buckelte er, trat wild um sich und sogar sein eigener Clan wich vor ihm zurück. Bis er sich in Richtung Graben bewegte, wo er den Halt an der Böschung verlor und hinunterstürzte. Dann war alles Still. Kein Laut war zu hören.

Niemand aus dem Clan machte sich die Mühe, um in den Graben nach ihrem ehemaligen Anführer zu sehen. Etwas verloren warfen Sie sich ängstliche Blicke zu. Achilles selbst wandte sich seiner Mutter zu, die sich langsam röchelnd bewegte.

Einen letzten Hasserfüllten Blick, warf er jedem der Vorstadtkatzen zu. Dann schulterte er kurzerhand seine Mutter, die schlaff von seinem Körper baumelte. Langsam verließ er die Straße und mit ihm der Clan seines toten Vaters.

 

***

 

Erleichterung machte sich unter den Vorstadtkatzen breit, aber eine richtige Freude wollte nicht aufkommen. Schwer atmend schüttelte sich Mikesh ein paar Blutstropfen aus dem Fell und schleppte sich dann müde und erschöpft zu seinem alten Freund hinüber. Es machte ihm Mühe, den Graben zu überwinden, so sehr schmerzten die Verletzungen in seiner Flanke und an den Beinen. Doch er biss die Zähne zusammen um seinen Freund die letzte Ehre zu geben. Er sah von oben auf ihn herab. Die grünen Augen hatte er für immer geschlossen, das Maul stand offen und seine Zunge hing heraus. Der Blick, dem Cassandra ihm jetzt zuwarf, zerriss Mikesh fast das Herz. Er setzte sich zu ihr und als sie ihren Kopf in seinem Brustfell vergrub, legte er sanft eine Pfote auf ihren Rücken.

Nachdem sie sich wieder aufgesetzt hatte und ihren Blick zur Morgendämmerung richtete, wusste er, dass sie es überstehen würde.

„Geht es Euch anderen gut?“ Wandte Mikesh sich jetzt sorgenvoll an seine anderen Freunde. Leeja lief erleichtert auf ihn zu und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.

„Ich bin so froh, dass es Dir gut geht“ schnurrte sie.

„Und ich bin froh, dich wohlauf zu sehen.“ Gab er leise zurück.

Ein allgemeines Aufatmen ging durch die Reihen der Vorstadtkatzen, die sich nun leise unterhielten und gegenseitig ihre Wunden begutachteten. Gaaja stand eng neben Buster und genoss die Nähe und die Wärme, die von ihm ausging. Schnurrend rieb sie ihren Kopf unter sein Kinn. Er schloss die Augen und seufzte tief. Dann gaben seine Beine unter ihm nach.

„Buster“ keuchte Gaaja auf und Felix war sofort bei ihr.

„Er muss sofort verarztet werden.“ Als Luca und Luna herbeisprangen, um seine Wunden zu begutachten, erklärte Brutus Gaaja: „Er hat Mike gerettet. Aber dafür haben Ceasar und Achilles ihn ganz schön in die Zange genommen.“ Langsam nickte sie.

„Ich dachte mir schon, dass er ganz schön ramponiert wirkt…“ „Papperlapapp“ schnauzte Buster grade.

„Das sind nur Kratzer! Ich brauche nur ein wenig Ruhe und Schlaf, dann bin ich schon wieder der Alte.“ Er wollte aufstehen, doch Gaaja baute sich vor ihm auf und mit entschlossenem Blick erklärte sie: „Spiel hier nicht den Superkater du Supermacho! Du lässt dich jetzt schön verarzten und dann begleite ich Dich höchst persönlich nach Hause!“

Ihre Körpersprache ließ keinen Widerspruch zu. Buster schluckte seine Überraschung herunter, setzte sein gewohnt schiefes Grinsen auf und entgegnete: „Ja, Ma’am!“

Brutus betrachte die Beiden leise schnurrend, ehe er wieder Richtung Doppelfelsen humpelte, um Cassandra weiterhin beizustehen.

„Ich… wollte mich noch bedanken“ begann sie langsam und stockend. Doch statt darauf einzugehen, begutachtete er ihre Wunden.

„Wir werden ihn ehren“ flüsterte Brutus ihr zu. „Du wirst schon sehen.“

Cassandra nickte stumm und legte sich dann wieder zu ihrem Vater ins Gras.

„Was ist mit den Kätzchen?“ Fragte Ami aufgeregt und lief auf Gaaja und Leeja zu, die sich leise unterhielten, während Buster brummend die Behandlung über sich ergehen ließ.

„Es ist alles in Ordnung“ schnurrte Gaaja ruhig.

„Deinen Kindern geht es gut.“ Und zu Maja, die dicht hinter Ami stand, meinte sie: „Und Victoria hat sich wirklich fantastisch gekümmert. Auch ihr geht es gut!“

Die beiden Katzenmütter atmeten erleichtert auf. Die Sonne hatte sich nun endgültig über den Rand des Horizonts gewagt, als die Vorstadtkatzen erschöpft aber auch ein wenig bedrückt den Heimweg antraten.

„Willst Du nicht mitkommen?“

Maja stand neben ihrer Tochter und gab ein tröstendes Schnurren von sich. Cassandra drückte ihren Kopf in ihr Fell und atmete tief den vertrauten Duft ein. Dann hob sie den Kopf und sah ihrer Mutter tief in die grünen Augen. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich muss hierbleiben. Wenigstens noch eine Weile.“

Maja verstand das und gemeinsam mit Brutus, der sich ebenso schwer von Cassandra trennen konnte, eilten sie den anderen Hinterher. Cassandra aber hielt den ganzen Tag und die nächste Nacht Wache bei ihrem verstorbenen Vater.

 

***

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