Epilog – Vorstadtkatzen

„Hey Boss“ bellte Jasper, der kleine Beagle auf dem Schrottplatz, dem großen Dobermann namens Gregor zu, der gelangweilt auf einem alten Stiefel herumkaute.

„Was denn?“ Entgegnete dieser mit einem leisen Knurren.

„Ich glaub da vorne liegt eine Katze…“ antwortete Jasper und zog nun auch die Aufmerksamkeit der anderen Streuner auf sich. Gregor voran liefen die 5 Streuner auf das große Fellbündel zu, dass am Rande ihres Reviers lag. Vorsichtig beschnüffelte der Dobermann den leblos wirkenden Körper, als ihn plötzlich wieder Leben zu durchströmen schien und er seine scharfen Krallen über Gregors Nase zog. Schmerzerfüllt heulte Gregor auf. Der Kater erhob sich und starte die Schrottplatzstreuner aus hasserfüllten blauen Augen an.

„Du halbe Portion“ knurrte Gregor wütend, und wollte grade nach dem Kater schnappen, als er plötzlich einen intensiven Katzengeruch wahrnahm. Bald darauf war der Schrottplatz erfüllt mit leisem Fauchen und Miauen. Gregor blickte sich um und erkannte, dass eine Horde Katzen ihn und sein Rudel umzingelt hatten. Und sie machten nicht den Eindruck, als wären sie wehrlose Hauskätzchen. Dann sprach die Katze mit den blauen Augen plötzlich zu ihm.

„Das ist jetzt unser Revier. Entweder ihr verschwindet hier oder ihr erkennt meine Vorherrschaft an!“

 

***

 

Es war wieder Vollmond – der erste nach der großen Schlacht – und die Vorstadtkatzen hatten sich am Doppelfelsen versammelt. Jeronimus saß auf dem höchsten Punkt des Felsens, an seiner Seite saß Mikesh und sah jedem seiner Freunde in die Augen. Cassandra saß ganz vorne und hielt den Blick gesenkt. Brutus neben ihr hielt tröstlich schnurrend ständigen Körperkontakt. Gaaja, Leeja und Buster hatten es sich in den Ästen der großen Eiche bequem gemacht, und verfolgten das Geschehen von dort aus.

Gaaja hoffte, die Zeremonie würde bald vorbei sein. Denn dann konnten sie endlich wieder ihr Leben weiterleben wie bisher. Es war der letzte Schritt zurück zur Normalität, der ihnen allen noch fehlte. Felix, Luna und Luca hatten ganze Arbeit geleistet und die meisten Wunden soweit verarztet, dass die Dosenöffner sie zwar bemerkten, aber nicht sofort die Notwendigkeit sahen, sie zum Tierarzt zu schleifen.

Brutus humpelte noch gelegentlich, sein Bein war aber ansonsten wiederhergestellt. Auch Buster war wieder frech und selbstverliebt wie immer. Und doch waren sich die Beiden seit der Schlacht noch ein wenig nähergekommen.

Endlich erhob sich Jeronimus und begann laut und deutlich zu sprechen:

„Heute ist Vollmond. Heute ist Mondwacht. Heute ist die Nacht, in der wir für unseren lieben Freund Dschingis, die Wacht unter dem Vollmond abhalten, auf dass seine Seele zu den Sternen ziehen und fortan mit Ihnen über den Himmel wandern kann.

Dschingis war nicht nur ein Nachbar. Er war ein Freund. Vertrauter. Und Vater. Wir werden nie vergessen wie er war, was er war und was er für uns getan hat. In der größten Not hat er uns beigestanden und mit uns gegen den scheinbar übermächtigen Feind gekämpft. Dafür möchten wir ihm heute die Ehre erweisen.“

Der graue Kater setzte sich wieder und blickte in den dunkelblauen Nachthimmel. Keine Wolke war zu sehen und der Mond und die Sterne funkelten beruhigend auf die Katzenschaar hernieder. Da erhob Jeronimus seine Stimme und die anderen Katzen taten es ihm gleich. Gemeinsam sangen sie ihr Lied unter dem Mondlicht und wünschten ihrem Freund eine gute Reise.

 

***

„Komm ich zu spät?“ Etwas außer Atem kam Victoria am Haus ihrer Mutter an, dass seit einiger Zeit nicht mehr ihr zu Hause war. Sie war von den Dosenöffnern an eine ältere Dame auf der anderen Seite der Vorstadt abgegeben worden. So oft es ging, kam sie dennoch in dieses Viertel. Aber auf der Seite, wo sie nun lebte, wohnten auch Cloud und Filou auf ihrem Bauernhof und Jeronimus und Bella in einem kleinen Häuschen, wenige Straße von ihrem neuen Heim entfernt. Doch heute war der Tag, an dem Amis Kätzchen Lilli und Mimi ein neues zu Hause bekommen sollten. Kiara war gestern abgeholt worden. Auch sie hatte Glück gehabt, dass sie ein Zuhause in der Vorstadt gefunden hatte. Ihre beiden Schwestern jedoch, sollten ein zu Hause in der Großstadt führen, als Hauskätzchen ohne Freigang. Sie würden sich wohl nie mehr wiedersehen. Endlich war Victoria im Garten angekommen und setzte sich zu ihrer Schwester Cassandra. Auch sie hatte ihr altes Heim verlassen. Entgegen Majas Bitten und Betteln zog sie es nun vor, in der alten Villa zu wohnen und so das Andenken ihres alten Herrn zu wahren.

„Es geht gleich los“ raunte sie der weißen Katze zu.

Endlich traten die Dosenöffner aus dem Haus. In einer Box, die sie in Händen hielten, hörten sie das leise Maunzen von Mimi und Lilli. Maja kam hinter den Dosenöffnern her, sah ihre Töchter und gesellte sich schnell zu ihnen.

Ami folgte als Letztes, blieb aber auf der Verandatreppe sitzen. Ihr trauriger Blick galt der Box, mit dem auch die letzten Ihrer Babys abgeholt wurden. Als die Dosenöffner auf der Straße waren und sich dort noch lautstark über die richtige Pflege unterhielten, gesellten sich Maja, Cassandra und Victoria an Amis Seite.

„Nimm es nicht so schwer, meine Liebe.“ Versuchte Maja sie aufzumuntern.

„Bestimmt werden sie es guthaben, da wo sie jetzt hinkommen.“ „Aber sie kommen in die große Stadt“ maunzte Ami besorgt auf.

„Ihr wisst, wie gefährlich es da ist.“

„Aber sie sind Hauskatzen“ erklärte Victoria.

„Ein schrecklicher Gedanke“ murmelte Cassandra und erntete einen bösen Blick ihrer Schwester, ehe diese fortfuhr: „Auch, wenn ihnen die Freuden des Freigangs verwehrt bleiben, so sind sie in ihrem Haus doch sicher.“

„Und sie sind nicht allein“ gab Maja zu bedenken. Das stimmte, wie Ami zugeben musste. Sie würden immer einander haben

 

***
„Arme Maja“ schnurrte Gaaja leise, die es sich auf dem gegenüberliegenden Hausdach gemütlich gemacht hatte und von weitem Abschied von den Kätzchen nahm.

„Sie wird es schon überstehen.“ Gab Buster milde zurück, der sich neben ihr rekelte.

„Wirst Du sie nicht vermissen?“

„Doch sicher“ gab er unumwunden zu. „Keinen Fanclub mehr, der mich bewundert…“

„Dafür hast Du ja jetzt mich“ schnurrte sie belustigt.

„So? Ich werde also der Einzige für dich sein?“

„Absolut.“

„Und du wirst mich anhimmeln, verehren und vergöttern?“

„Jetzt übertreib´s mal nicht“ lachte Gaaja auf.

„Siehst Du?“ Buster seufzte theatralisch. „Also doch kein Ersatz für meinen Fanclub.“

Lachend erhob sich Gaaja und als das Auto mit den beiden Kätzchen Richtung Stadt losgefahren war, machten sie sich an den Abstieg. An der Straßenecke warteten bereits Leeja und Mikesh auf sie, die mal wieder nur Augen für einander hatten.

„Pfff… frisch verliebte“ stieß Buster spöttisch hervor.

„Ja, das muss jetzt so eine Epidemie sein“ schnurrte Gaaja belustigt. „Müsst ihr grad sagen“ gab Leeja spitzbübisch zurück.

Einige Zeit liefen die vier Freunde durch die Nachbarschaft und genossen den herrlichen Sonnenschein. Jetzt wo der Herbst begonnen hatte und die Sonnentage immer weniger wurden, nutzten sie jede Gelegenheit im Sonnenlicht zu baden.

„Wisst ihr, was mich noch immer beschäftigt“ begann Gaaja langsam.

„Woher wussten Gus und Blue so genau, wo sie nach den Kätzchen suchen mussten? Keiner von ihnen war schon einmal hier, oder?“ „Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht“ gab Mikesh zurück. „Es kann nicht anders sein. Sie müssen uns vorher ausgekundschaftet haben.“

„Erschreckend, dass wir nichts bemerkt haben“ knurrte Buster. „Glaubt ihr, sie werden zurückkommen?“ Angsterfüllt stellte Leeja ihre Nackenhaare auf und blieb stehen.

„Ich meine Achilles. Habt ihr seine Augen gesehen?“ Sie schauderte. „Dieser Blick verfolgt mich in meinen Träumen“ gestand Gaaja und rückte näher an Buster heran.

„Ceasar und Gus haben es nicht überlebt. Ist es nicht natürlich, dass er sich an uns rächen wird?“ Fragte Leeja besorgt.

„Mach dir keine Sorgen, ich beschütze Dich und diese ganze Vorstadt. Wir sind schließlich eine große Familie“ schnurrte Mikesh und rieb seinen Kopf an ihre Schulter.

„Die müssen erstmal ihre Wunden lecken“ grollte Buster und leckte über seine Brust, wo ihm eine große Narbe als Andenken an die Schlacht geblieben war.

„Wir werden dennoch weiterhin Augen und Ohren offen halten“ erklärte Mikesh bestimmt.

„Und wenn sie erneut kommen sollten, werden wir bereit sein!“

 

Ende

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s