1. Kapitel – Schattenmond

Völlige Dunkelheit umfing ihn. Nur langsam lichtete sich der Nebel in seinem Kopf, drangen die Laute an sein Ohr. Sowohl leises Jaulen und Kläffen, als auch mürrisches Knurren. Er wagte nicht, die Augen schon zu öffnen, denn der Geruch der anderen Wölfe war übermächtig. Langsam und tief atmete er ein und versuchte die verschiedenen Gerüche zu analysieren. Es musste sich um mindestens vier verschiedene Wölfe desselben Rudels handeln. Und er war auf ihrem Territorium gelandet.

„Er lebt noch“, hörte Schattenmond jemanden jaulen. „Armer Kleiner, wir sollten ihn mitnehmen.“

„Damit wir noch mehr Mäuler zu stopfen haben? Ich werd‘ mich hüten!“, kam es knurrend zurück.

„Die große Kälte ist fast vorbei…“ mischte sich nun eine dritte Stimme ein.

„Ja eben. Der Winter war hart. Wir müssen erst einmal wieder voll zu Kräften kommen. Und jetzt sollen wir noch einen weiteren Welpen durchfüttern?“

„Was heißt hier Welpe? Er ist kaum jünger als Wüstensand oder ich…“

„Schaut mal wie dürr er ist…“

Eine kalte Nase stupste ihn sanft in die Seite. Schattenmond schnupperte vorsichtig. Nur ein Weibchen, glaubte er zu wittern. Der Rest Männchen. Und offenbar waren ihm nicht alle wohl gesonnen.

„Ich sage wir töten ihn“ bellte der Zweite wieder.

„Dem Mond sei Dank hast Du hier nicht das Kommando!“

Das bisher friedlich wirkende Weibchen schien nun ernsthaft verstimmt.

„Aber ich!“

Beim Klang dieser autoritären Stimme wurde es plötzlich still um Schattenmond. Von der Neugier überwältigt öffnete er langsam blinzelnd die Augen. Ein großer, grauer Wolf kam auf ihn zu – der wahrscheinlich Größte, den Schattenmond je gesehen hatte. Erschrocken vom Anblick des riesigen Alpha-Tieres rappelte er sich hoch, klemmte den Schwanz zwischen die Beine und kauerte sich in einigem Abstand auf den starr gefrorenen Waldboden. Der große Graue legte den Kopf schief und sah ihn aus seinen gelben Augen ruhig an.

„Sieh nur wie verängstigt er ist“ schnurrte die hellbraune Wölfin, die jetzt neben dem Alpha stand.

„Das sollte er auch, wenn er klug ist“, antwortete der Alpha. In seiner Stimme und seinem Gebaren lag keinerlei Aggression. Es war eher eine sachliche Feststellung.

„Also, wie ist dein Name?“, richtete er nun das Wort an Schattenmond.

„Schattenmond…“ kam es zögerlich aus seinem Maul.

„Wie passend bei seinem schwarzen Fell und den blauen Augen“, meldete sich nun der Wolf zu Wort, der als Drittes gesprochen hatte. Er lugte interessiert hinter dem Alpha hervor.

„Und was hast Du hier verloren?“ führte der Alpha seine Befragung fort.

„Gute Frage“ knurrt jetzt der Aggressive und schob sich in Schattenmonds Blickfeld. Es handelte sich um einen dunkelgrauen Wolf, fast so groß, wie der Alpha, mit einer tiefen Narbe über dem linken Auge.

„Was machst du Wicht in UNSEREM Revier?“ Zähnefletschend beugte er sich zu Schattenmond vor. Dieser wich vorsichtig und unterwürfig zurück. Es war nicht klug sich mit einem Wolfsrudel anzulegen, dass so viele kräftige Kämpfer zu besitzen schien. „Ich … nur… überleben“ stieß er schließlich hervor.

„Das müssen wir alle“ bellte der Aggressive und ging einen Schritt auf Schattenmond zu. Doch der Alpha reagierte schnell und versperrte ihm mit der rechten Vorderpfote den Weg.

„Wir sind wohl kaum so verhungert, dass wir einen abgemagerten Jungwolf fressen müssen, oder?“

Knurrend zog sich der Angesprochene einige Schritte zurück, während sich der Alpha wieder Schattenmond zuwendete.

„Also, Schattenmond. Du hast Dir wohl die falsche Zeit ausgesucht dein Rudel zu verlassen und auf Wanderschaft zu gehen.“

„Ja“ motzte der aggressive Wolf von hinten wieder.

„Du wärst wohl besser noch in Mamis Bau geblieben!“

Auf einen Blick seines Alphas hin verstummt er. Langsam baute Schattenmond sich wieder zu seiner vollen Größe auf, den Schwanz aber ließ er beschwichtigend zwischen den Hinterläufen eingeklemmt.

„Ich bin alt genug“ knurrte er leise, was die Aufmerksamkeit aller vier Wölfe wieder auf ihn zog.

„Aber nicht sehr schlau“ gab der Alpha zurück, „wenn du in der Kältezeit den Schutz des Rudels hinter dir lässt. Oder hat man dich verjagt?“

Schattenmond antwortete nicht. Er starrte bedrückt auf seine Pfoten. Die Bilder des Unglücks brachen wieder über ihn herein und ließen sein Innerstes erzittern.

„Oh, seht wie er zittert“ begann die Wölfin leise.

„Und wittert ihr seine Angst? Du brauchst uns nicht zu fürchten,“ wendet sie sich wieder Schattenmond zu.

„Noch nicht“ knurrte der Aggressive wieder, doch die Anderen ignorierten ihn. Schließlich brachte Schattenmond zögernd eine Antwort hervor: „Sie… sie sind alle… tot.“

 

***

 

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Schattenmond mit seiner Eskorte das Lager erreichte. Der Alpha, Grauschweif war sein Name, ging vorweg. Hinter ihm die hübsche beigebraune Wölfin, die ihren Willen, Schattenmond mit zu nehmen, doch durchgesetzt hatte. Ihr Name war Wüstensand.

Ihr Bruder, der neugierige kleine Wolf, folgte ihr. Er hatte graubraun-geflecktes Fell, weswegen sein Name Fleckenfell lautete. Schattenmond trottete hinter ihm her, verfolgt vom großen Wolf mit der Narbe, der weiter vor sich hin knurrte und es nicht lassen konnte, Schattenmond in den Hinterlauf zu zwicken, wenn er nicht Schritt hielt. Dornenfell hatte ihn der Alpha gerufen. Die Wölfin mochte Schattenmond auf Anhieb am Liebsten. Sie schien nett und fürsorglich. Er konnte sich vorstellen, zu ihr eine stabile Freundschaft aufzubauen. Denn einen Freund konnte er in seiner derzeitigen Lage gut gebrauchen.

Nachdem sie sich vorgestellt und ihm erklärt hatten, dass er fürs Erste mit Ihnen gehen würde, hatten Sie den Rest des Weges schweigend verbracht.

Schattenmond hatte sich die Gegend angesehen, ein dichter Wald mit verschiedenen Baumarten. Einige waren noch kahl von der großen Kälte. Andere besaßen dichtes Nadelwerk, dass auch im Winter immer grün blieb. Die Spitzen dieser Bäume waren mit Schnee bedeckt, der langsam schmelzend auf den kalten Erdboden tropfte.

Er wusste nicht, wo genau er sich befand, nur dass er während der Kältezeit mit Mondblüte über die Berge gewandert war und jetzt sehr weit weg von seinem früheren Revier, auf der anderen Seite der Berge, sein musste.

Bei dem Gedanken an seine ältere Schwester zog sich schmerzhaft sein Magen zusammen. Gleichzeitig keimte in ihm die Hoffnung, dass er nun auch weit weg von der Gefahr war, die seiner Familie das Leben gekostet hatte und vielleicht schon ein neues Rudel gefunden hatte, dem er sich anschließen konnte.

Kein Wolf konnte auf langer Sicht ohne Rudel in dieser Wildnis überleben, das wusste er. Nachdem er seine sterbende Schwester schweren Herzens in den Bergen zurücklassen musste, hatte er sich allein durchgeschlagen und war schließlich vor Hunger und Erschöpfung zusammengebrochen.

Doch auch, wenn Ihn das fremde Rudel gefunden hatte und aufnehmen würde, wüsste er nicht, wie das Zusammenleben sich gestalten würde. Er war ein Außenseiter, ein fremder Wolf, und würde nie richtig zur Familie gehören. Würde er es dennoch schaffen, sich in dem neuen Rudel zu behaupten? Würde er je ein ehrbares Mitglied werden? Würden sie ihn fortjagen?

Er hatte nicht viele Möglichkeiten. Wenn er bleiben wollte, ohne zum Omega zu werden, musste er sich dem Alpha bedingungslos unterordnen, sich gegenüber den anderen aber behaupten. Das Auftreten war das wichtigste. Wenn er sich wie ein Omega verhalten würde, wäre er auch bald einer.

Schattenmond schätzte die Chancen, sich gegen Fleckenfell zu behaupten, gar nicht so schlecht ein. Der junge Wolf war nicht all zu groß und schien auch nicht übermäßig aggressiv. Zudem waren sie ihm gleichen Alter. Sicher könnte er es mit ihm aufnehmen, wenn er erst wieder zu Kräften gekommen wäre.

Was ihm jedoch Sorgen bereitete, war das Auftreten von Dornenfell. Der struppige Wolf mit der Narbe war nicht nur sehr groß, sondern auch aggressiv. Abermals gab Schattenmond ein kurzes Jaulen von sich, als sein Hintermann ihn wieder in den Hinterlauf zwickte. Wenn er sich innerhalb des Rudels behaupten wollte, dürfte er sich nicht so behandeln lassen. Doch im Moment war er kaum in der Position sich zu wehren. Denn ob er bleiben durfte oder nicht, war noch nicht entschieden.

Er würde die Entscheidung des Rudels abwarten müssen, ehe er sich gegen Dornenfells Attacken zur Wehr setzen konnte. Und auch das würde sehr schwierig werden. Schattenmond war grade 10 Monate alt und hatte nicht einmal die Geschlechtsreife erreicht. Eigentlich war er noch ein halber Welpe. Vielleicht war es das, was in Wüstensand diese fürsorglichen Instinkte ausgelöst hatte. Alle Wölfe liebten Welpen – alle bis auf Dornenfell, wie es schien.

Allerdings war Wüstenfell Fleckenfells Wurfschwester und damit nicht viel älter als Schattenmond selbst.

Als sie eine kleine Anhöhe erreichten, gab der Alpha das erste Mal wieder Laut von sich. Er hielt kurz an, legte den Kopf in den Nacken und gab ein langgezogenes Heulen von sich. Die Anderen machten es ihm nach, dann lauschten sie. Aus der Ferne drang schließlich die Antwort zu ihnen. Ein schaurig schönes Heulen erfüllte die Luft. Den Klang einer so schönen Stimme hatte er zuletzt bei seiner Mutter gehört.

Eilig setzte das Rudel seinen Weg zum Lager fort. Ihr Weg führte sie noch tiefer in den Wald hinein. Tannen, Kiefern und Fichten reihten sich immer dichter an einander und der Boden unter Schattenmonds Pfoten wurde weicher. Der Schnee war hier noch nicht ganz geschmolzen und Schattenmond versank ein paar Zentimeter darin. Schließlich nahm der dichte Baumbewuchs wieder etwas ab, der Schnee verwandelte sich in kleine Pfützen und bald standen sie auf einer kleinen Lichtung, wo sie schon freundlich vom Rest des Rudels empfangen wurden.

Eine Wölfin mit weißem Fell und hellbraunen Schattierungen darin, erreichte den Trupp als Erste. Sanft begrüßte sie Grauschweif, indem sie ihm die Lefzen leckte. Dann traten Wüstensand und Fleckenfell auf sie zu, machten sich klein und begrüßten sie mit unterwürfigem Fiepen. Als sie den Kopf zuneigungsvoll hinunter neigte, woraufhin ihr Wüstensand die Lefzen zu lecken begann, trafen ihre Haselnussbraunen Augen auf Schattenmond.

Während zwei weitere Wölfe fiepend und leise kläffend Grauschweif begrüßten, schlich sie langsam auf Schattenmond zu. „Und wen haben wir hier?“ gurrte sie. Schattenmond erkannte sofort, wen er hier vor sich hatte. Dies musste die Leitwölfin des Rudels sein, das Alpha-Weibchen. Respektvoll drückte er sich vor ihr auf den Boden und fiepte leise und unterwürfig. „Das ist Schattenmond“ begann Grauschweif, während sein Weibchen den kleinen schwarzen Wolf interessiert beschnupperte.

„Er hat seine Familie verloren“ winselte Wüstensand hinter ihrer Mutter. „Er ist ganz allein und braucht ein Rudel.“ Mit einem Satz war sie neben ihre Mutter gesprungen, ließ freudig erregt die lange Zunge aus dem Maul hängen und sah aufgeregt von der Alpha-Wölfin zu Schattenmond und zurück.

„Können wir ihn behalten?“ Fragte sie, als sie die Spannung nicht mehr aushielt. Ihre Mutter gab nur ein Schnauben von sich und brachte sie mit einem kurzen Blick zum Schweigen. Schattenmond sah seine Chance gekommen um ihre Gunst zu buhlen, legte sich auf den Rücken und versuchte mit seiner Zunge die Schnauze der Wölfin zu erreichen. Als sie ihre Nase kraus und die Lefzen zurückzog, wobei sie ihre scharfen Zähne entblößte, lag Schattenmond ganz ruhig mit freiem Bauch unter ihr. Bedrohlich hielt sie das halb geöffnete Maul über seine Kehle, die er ihr schutzlos darbot.

Er wusste, es hing nun alles davon ab, ob ihn die Alpha Wölfin auch akzeptierte. Er hielt still und unterwarf sich ihrer Gnade.

Schließlich zog sie sich von seiner Kehle zurück und schnaufte noch ein paar mal. Dankbar richtete Schattenmond sich auf und versuchte ihr abermals die Lefzen zu lecken. Dieses Mal ließ sie es zu, ehe sie sich abwandte. Freudig knuffte ihm Wüstensand in die Seite. Da wusste er, dass er es geschafft hatte. Das Rudel würde ihn zunächst in Ihrer Mitte Dulden. Doch um ein vollwertiges Mitglied zu werden, würde es noch etwas mehr Anstrengung seinerseits bedürfen.

Die kleine braune Wölfin verließ seine Seite um laut kläffend die anderen beiden Wölfe zu begrüßen. Ein kleiner Wolf mit hellem, geschecktem Fell begrüßte Fleckenfell und Wüstensand eher zurückhaltend. Er musste ein paar Jahre älter sein als die Beiden. Nachdem er die Begrüßung erwidert hatte, schlich er auf Schattenmond zu, während die beiden Geschwister sich der ältesten Wölfin zuwandern, deren beiges Fell in der Sonne schimmerte.

„Wer bist denn du?“ Knurrte der ältere Wolf und bleckte die Zähne. Schattenmond wusste, dass er jetzt seinen Wolf stehen musste. Er erhob sich und stellte sich dem fremden Wolf mutig entgegen. „Schattenmond“ erwiderte er laut und bestimmt.

Den Schwanz ließ er entspannt herunterhängen. Er wollte weder Aggressivität zeigen, noch Unterwürfigkeit. Wenn er sich seinen Platz im Rudel erarbeiten wollte, müsste er sich behaupten können. Der gescheckte Wolf ließ die Lefzen wieder hängen und beschnupperte den Neuankömmling argwöhnisch. Dann gab er einen Ton von sich, der eine Mischung aus knurren und jaulen war, öffnete sein Maul und bleckte abermals die Zähne. Vermutlich ein Versuch Schattenmond einzuschüchtern. Dieser bleckte jetzt ebenfalls die Zähne und knurrte leise. Den älteren Wolf sah er mit seinen strahlend blauen Augen entschlossen an. Als er sein Maul öffnete, tat Schattenmond es ihm gleich. Still maßen sich die Beiden und Schattenmond bereitete sich instinktiv auf einen Angriff vor. Doch schließlich zog sich der ältere argwöhnisch knurrend zurück.

Schattenmond war fürs erste Akzeptiert. Aber eine Rangordnung zwischen den Beiden stand noch nicht endgültig fest. „Das ist Schwarzpfote“ kläffte Wüstensand neben ihm. „Er heißt so, weil seine rechte Vorderpfote komplett schwarz ist. Und das ist Sandpelz.“ Sie deutete auf die kleine, dünne Wölfin, die neugierig auf ihn zu geschlendert kam. Sie musste nochmal um einiges Älter sein, als Schwarzpfote. Auf jeden Fall war sie viel ruhiger und freundlicher und hatte keinerlei Ambitionen mit ihm die Kräfte zu messen. „Hallo mein Kleiner“ begrüßte sie ihn stattdessen und leckte ihm wohlwollend das Ohr.

„Wüstensand hat mir erzählt, was deiner Familie zugestoßen ist. Schrecklich diese Zweibeiner.“ Sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber jetzt bist du ja bei uns.“

Erleichtert, dass er sich zumindest gegen diese beiden Weibchen nicht behaupten würde müssen, leckte er freundlich ihre Schnauze und wedelte mit dem Schwanz.

Er warf einen flüchtigen Blick zu Dornenfell, der es sich mit einem Dicken Ast im Maul gemütlich gemacht hatte, und an diesem herum kaute. Fleckenfell kam zu ihm und forderte ihn winselt zum Spiel auf, doch er biss ihn weg und sah dann mit glühendgelben Augen in Schattenmonds Richtung. Der Blickte schnell weg und sah sich lieber im derzeitigen Lager um.

„Er wirkt ziemlich Angsteinflößend, hm?“ flüsterte Sandpelz, die seinem Blick gefolgt war. „Aber glaube mir. Ein Wolf, der so offen mit seiner Aggressivität umgeht, ist bei weitem nicht so schlimm, wie die Gefahr, die im Verborgenen lungert.“ Mit gespitzten Ohren sah Schattenmond die kleinere Wölfin an, doch ohne ein weiteres Wort schlenderte sie davon und suchte sich einen gemütlichen Platz unter einer robusten Tanne am Rande des Lagers.

„Sandpelz sagt manchmal komische Sachen“ meinte Wüstensand. „Denk dir einfach nichts dabei. Sie ist die Älteste hier und Lichtfells ältere Schwester. Schwarzpfote ist ihr Wurf-Bruder. Wollen wir spielen?“ Laut kläffend tänzelte sie um Schattenmond herum. Es war das erste Mal seit langem, dass er wieder zum Spielen aufgefordert wurde. Es musste mittlerweile fast 4 Monde her sein, dass er mit seiner Schwester in die Berge geflüchtet war. Den Verlust der Eltern hatte er schnell verarbeiten müssen, denn zum Trauern war in der Wildnis kein Platz gewesen. In den Bergen hatte es kaum Schutz vor Regen, Schnee oder Stürmen gegeben, da dort kaum Bäume wuchsen. Der Schnee hatte an manchen Tagen Meterhoch gelegen und das Vorankommen war oft mühsam gewesen. Doch gegen die eisige Kälte war er zum Glück durch sein dickes Fell gut geschützt gewesen. Das Problem war ganz einfach, dass es kaum Nahrung gab. Das Wild, was dort oben überlebte, war stark und robust und für zwei Wölfe im Alleingang kaum zu erlegen gewesen. Der Hunger hatte sie viele Tagelang im Griff gehabt und zu absoluten Verzweiflungstaten getrieben. Aber sie hatten nie aufgegeben. Und doch hatte nur einer von Ihnen überlebt. An all das erinnerte er sich noch gut.

Aber wie man spielte, wie es war in einem Rudel zu leben, das hatte er fast vergessen. Als er sich nun mit der gleichaltrigen Wölfin auf dem Boden balgte, durchbrach ein lautes Heulen plötzlich die Idylle. Grauschweif hatte sich in der Mitte des Lagers aufgebaut und sammelte sein Rudel um sich. „Dornenfell, Fleckenfell, Wüstensand und ich haben uns heute die Berge hochgekämpft und die Trampelpfade ausgekundschaftet. Es wird deutlich wärmer da oben und der Schnee beginnt zu schmelzen. Die Herden werden in wenigen Tagen ihr Lager auf der anderen Seite verlassen und für den Frühling in die Graslande ziehen. Dazu müssen sie Über die Berge, am großen Wasser vorbei und überqueren dann den Arm des großen Wassers auf unserem Territorium. Dort werden wir die Beute stellen. Morgen begeben wir uns zu den Füßen der Berge und verfolgen sie, bis sich eine Gelegenheit bietet. Dann hat unser Neuzugang auch gleich eine Gelegenheit sich zu beweisen.“

Seine gelben Augen schienen ihn zu durchbohren und Schattenmond wurde ganz warm unter seinem Fell. „Also, Schattenmond, dass wird deine Chance uns zu beweisen, was du als Rudelmitglied wert bist.“ Dann wandte er sich wieder den umherstehenden zu. „Heute werden wir hier lagern, doch morgen geht es weiter. Gute Jagd!“ „Gute Jagd“ antwortete das Rudel ihm im Chor.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s